Wer ist Jesus

 

Inhalt

Die Bestätigung des Monotheismus des  Alten Testaments durch Jesus und Paulus

Wer sagte, dass der Messias Gott ist?

Der Sohn Gottes

Der Menschensohn, der Herr zur rechten Hand Gottes

Jesus beanspruchte NICHT Gott zu sein

Die jüdische Sprache von Johannes

Ehre vor Abraham

Der logos in Johannes 1,1

Die „Göttlichkeit“ Jesu

In göttlicher Gestalt

Das Haupt der neuen Schöpfung

Die besiedelte Erde, von der wir sprechen, wird kommen

Der hebräische Hintergrund des Neuen Testaments

Vom Sohn Gottes zu Gott, dem Sohn

Der Mensch und die verborgene Botschaft

Was die Gelehrten zugeben

Jesus, der Mensch und Vermittler

Das Bekenntnis der Kirche

ANHANG

  

      Die Anschauung, dass Jesus gemäß der Bibel nicht wahrer Gott von wahrem Gott ist, wird wahrscheinlich diejenigen aufschrecken, die an die Ansichten der großen Glaubensrichtungen gewohnt sind. Es ist nicht allgemein bekannt, dass viele Studenten der Bibel vieler Zeitalter, darin eingeschlossen eine erwähnenswerte Anzahl heutiger Gelehrter, nicht aus der Schrift gefolgert haben, dass Jesus dort als der allmächtige Gott beschrieben wird.

      Ein Meinungsunterschied in einem solch grundlegenden Punkt sollte uns alle herausfordern, die wichtige Frage der Identität Jesu zu untersuchen. Wenn unsere Verehrung nach den Worten der Bibel, „in Geist und Wahrheit“ (Johannes 4,24) sein soll, dann ist es klar, dass wir danach trachten sollen zu verstehen, was uns die Bibel über Jesus und sein Verhältnis zum Vater offenbart. Die Schrift warnt uns vor der Möglichkeit, dass wir in die Falle gehen können, an einen anderen Jesus zu glauben (2. Kor. 11,4)  -  an einen anderen Jesus als an den, den die Bibel uns als Sohn Gottes offenbart, den Messias, der durch die Propheten des Alten Testaments versprochen worden war.

      Es ist ein schlagkräftiger Beweis, dass Jesus sich selbst nie als „Gott“ bezeichnet hat. Gleichfalls bezeichnend ist es, dass das Neue Testament das Wort „Gott“ – im Griechischen ho theos – nur für den Vater allein benutzt, und das etwa 1350 Mal. In scharfem Kontrast dazu wird Jesus nur in einer Handvoll Texten „Gott“ genannt  - vielleicht nicht mehr als zweimal.[1] Warum gibt es im Neuen Testament diesen beeindruckenden Unterschied, wenn doch so viele Jesus als Gott im selben Sinn und nicht geringer als den Vater sehen?

 

Die Bestätigung des Monotheismus des Alten Testaments durch Jesus und Paulus

      Leser der Schrift im 21. Jahrhundert werden die Stärke des Monotheismus – des Glaubens an einen Gott – nicht so leicht schätzen können. Dieser war das erste und wichtigste Prinzip aller Lehren des Alten Testaments über Gott. Die Juden waren bereit, für ihre Überzeugung, dass der wahre Gott eine einzelne Person ist, zu sterben. Jede Idee einer Mehrzahl innerhalb der Gottheit wurde als gefährliche Götzenanbetung verworfen. Das Gesetz und die Propheten hatten wiederholt darauf bestanden, dass nur einer wahrlich Gott ist und niemand hätte sich „Unterschiede“ innerhalb der Gottheit vorstellen können, sobald er sich Merktexten wie dem folgenden verpflichtet hatte:

      „Höre, Israel! Der HERR ist unser Gott, der HERR allein“ (5.Mose 6,4)

      „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns geschaffen?“ (Maleachi 2,10)

      „Vor mir wurde kein Gott gebildet und nach mir wird keiner sein“ (Jesaja 43,10)

      „Denn ich bin Gott und keiner sonst“ (Jesaja 45,22)

      „Es gibt keinen sonst, keinen Gott gleich mir“ (Jesaja 46,9)

 

      Im Alten Testament kann man vielfältige monotheistische Aussagen finden. Ein wichtiger zu beobachtender Faktor ist, dass Jesus, als Begründer des Christentums, das Bestehen des Alten Testaments auf den einen Gott bestätigt und vertieft. Nach der Aufzeichnung seiner Lehren, die von Matthäus, Markus und Lukas zusammengefasst wurden, sagte  Jesus nichts, was die absolute Einheit Gottes gestört hätte. Als ein Schriftgelehrter (ein Theologe) die berühmten Worte zitierte: „Der Herr, unser Gott, ist ein Herr“, da lobte ihn Jesus, weil er verständig geantwortet hatte und nicht weit vom Reich Gottes entfernt sei (Markus 12, 29-34).

      Im Bericht des Johannes über die Zeit, in der Jesus lehrte, bestätigte Jesus gleichfalls den jüdischen Monotheismus seines jüdischen Erbes in Worten, die nicht falsch verstanden werden können. Er sprach von Gott, seinem Vater, als demjenigen, der „allein Gott ist“ (Johannes 5,44) und bezeichnete ihn als „allein wahren Gott“ (Johannes 17,3). In all seinen aufgezeichneten Lehren benutzte er das Wort für den Vater allein. Nicht ein einziges Mal sagte er, dass er selbst Gott sei, eine Idee, die sowohl absurd als auch gotteslästerlich geklungen hätte. Die monotheistischen Worte Jesu in Johannes 5,44 und 17,3 sind Widerhall der Ansicht des Alten Testaments von Gott als einer einzelnen Person. Wir können ganz einfach den jüdischen und alttestamentlichen Zeitgeist von Paulus erkennen, wenn er von seinem christlichen Glauben an den Einen Gott, den Vater (1.Kor.8,6) spricht, im Unterschied zu dem Vermittler zwischen Gott und den Menschen – Jesus Christus, der selbst Mensch war (1. Timotheus 2,5). Sowohl für Jesus als auch für Paulus war Gott ein einzelnes, nicht erschaffenes Wesen, „der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (Epheser 1,3). Sogar nachdem Jesus zur Rechten des Vaters erhoben wurde, ist der Vater, in Jesu eigenen Worten, immer noch sein Gott (Offenbarung 3,12).

      Wir können unsere bisherige Diskussion zusammenfassen, indem wir L.L. Paine, einen ehemaligen Professor für Kirchengeschichte am theologischen Seminar von Bangor, zitieren:

      „Das Alte Testament ist strikt monotheistisch. Gott ist ein einzelnes, persönliches Wesen. Die Idee, dass eine Dreieinigkeit hier gefunden oder auch nur hinein interpretiert werden kann, ist eine Annahme, welche die Theologie seit langem beeinflusst, aber völlig jeder Grundlage entbehrt. Die Juden als Volksgruppe wurden mit ihren Lehren zu starren Gegnern aller polytheistischen Tendenzen und sie sind bis zum heutigen Tag unbeugsame Monotheisten geblieben. In diesem Punkt gibt es keinen Bruch zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Die monotheistische Tradition dauert an. Jesus war ein Jude, von jüdischen Eltern in den Schriften des Alten Testaments unterwiesen. Seine Lehre war im Kern jüdisch. Ein neues Evangelium, ja, aber keine neue Theologie. Er erklärte, dass er nicht gekommen war, um das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen. Er akzeptierte den großen Text des jüdischen Monotheismus als sein eigenes Glaubensbekenntnis: „Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott, ist ein Herr!“. Seine Verkündigung sich selbst betreffend war in Übereinstimmung mit den Prophetien des Alten Testaments. Er war der Messias des versprochenen Königreiches, der Menschensohn, den die Juden erhofften. Wenn er einige Male fragte: „Was sagen die Menschen, wer der Sohn des Menschen ist?“, so gab er selbst nie eine Antwort, die über Behauptung, der Messias zu sein, hinausging (A Critical History of the Evolution of Trinitarianism, 1900, S. 4-5).

      Die Stärke des jüdischen Glaubens an den Monotheismus wird durch folgende Zitate klar demonstriert:

      „Der Glaube, dass sich Gott aus verschiedenen Personen zusammensetzt, wie der christliche Glaube an die Dreieinigkeit, ist ein Abweichen von der klaren Vorstellung von der Einheit Gottes. Israel hat durch die Zeitalter alles abgelehnt, was die Vorstellung des reinen Monotheismus, den es der Welt gegeben hat, verunstaltete oder unklar machte. Und statt eine Verwässerung zuzulassen, sind die Juden bereit, dafür auszuwandern, zu leiden und zu sterben.“ [2]

      Ezra D. Gifford sagt in „The True God, the True Christ, the True Holy Spirit“ (Der wahre Gott, der wahre Christus, der wahre Heilige Geist):

      „Die Juden sind aufrichtig über die Folgerung verärgert, dass die Schriften irgendeinen Beweis oder eine Andeutung über die orthodoxe Dreieinigkeit beinhalten. In dieser Frage waren Jesus und die Juden niemals verschiedener Meinung. Sie behaupteten beide, dass Gott nur einer ist und dass dies die größte Wahrheit ist, die der Menschheit je offenbart wurde.“[3]

      Wenn wir die niedergeschriebenen Lehren Jesu in Matthäus, Markus und Lukas untersuchen und wissen, dass diese Unterlagen die Auffassung der apostolischen Gemeinde von 60 bis 80 nach Christus repräsentieren, so werden wir nicht einen Hinweis finden, dass Jesus glaubte, ein „nicht erschaffenes“ Wesen von Ewigkeit her zu sein. Matthäus und Lukas verfolgen den Ursprung Jesu auf einen speziellen Schöpfungsakt Gottes zurück, als der Messias in Marias Mutterleib gezeugt wurde. Dieses wunderbare Ereignis war der Beginn, die Genesis oder der Ursprung Jesu von Nazareth (Matthäus 1,18). Rein gar nichts wird von einer ewigen Sohnschaft gesagt, die andeutet, dass Jesus bereits als Sohn lebte, bevor er gezeugt wurde. Diese Idee wurde in christliche Kreise eingeführt, nachdem die Schriften des Neuen Testaments schon abgeschlossen waren. Sie gehört nicht zur Denkweise der biblischen Schreiber.

 

Wer sagte, dass der Messias Gott ist?

      Die meisten Leser der Schriften nähern sich den Aufzeichnungen mit einer Reihe wohl etablierter Annahmen. Sie sind sich dessen nicht bewusst, dass das, was sie über Jesus verstehen, von theologischen Gedankensystemen abgeleitet ist, welche von Schreibern, die nicht die Bibel verfasst haben, ausgedacht wurden. Auf diese Weise akzeptieren sie leichtfertig eine Anzahl von Traditionen, während sie beanspruchen und glauben, dass die Bibel ihre einzige Autorität ist.[4]

      Die kritische Frage, die wir beantworten müssen, ist diese: Auf welcher Basis beanspruchten Jesus und die frühe Kirche, dass Jesus wirklich der verheißene Messias ist? Die Antwort ist einfach. Es geschah dadurch, dass er perfekt die Rolle erfüllte, die das Alte Testament über ihn vorhergesagt hatte. Es musste gezeigt werden, dass er die Anforderungen genau erfüllte, die für den Messias in der hebräischen Prophetie festgelegt worden waren. Besonders Matthäus zitiert gerne das Alte Testament und beschreibt, wie es durch das Leben und die Erfahrungen Jesu (Matthäus 1,23; 2,6; 15 etc.) erfüllt wurde. Aber auch Markus, Lukas, Johannes und Petrus (in den ersten Abschnitten der Apostelgeschichte) bestehen gleichfalls darauf, dass Jesus exakt der alttestamentlichen Beschreibung des Messias entspricht. Paulus verbrachte lange Zeit seines Dienstes damit, aus den hebräischen Schriften zu zeigen, dass Jesus der verheißenen Christus war (Apostelgeschichte 28,23). Wenn die Identität Jesu nicht mit der Beschreibung des Alten Testaments über ihn in Übereinstimmung gebracht werden konnte, so bestand auch kein guter Grund zu glauben, dass sein Anspruch, der Messias zu sein, wirklich wahr war!

      Deswegen ist es eine grundlegende Sache zu fragen, ob das Alte Testament irgendwo andeutet, dass der Messias ein „ebenbürtiger Gott“ sein  würde, ein zweites unerschaffenes Wesen, das eine ewige Existenz im Himmel aufgibt, um Mensch zu werden. Wenn es nichts dergleichen sagt (und man erinnere sich, dass das Alte Testament sich sogar mit winzigen Details über das Kommen des Messias beschäftigt), so müssen wir gegenüber dem Anspruch jener misstrauisch sein, die sagen, dass Jesus beides ist, sowohl der Messias als auch eine nicht erschaffene, zweite und ewige Person in der Gottheit, die den Titel „Gott“ im vollsten Sinne des Wortes beansprucht.

      Wie sieht das Bild des Messias, das durch die hebräischen Schriften gezeichnet wird, nun aus? Wenn neutestamentliche Christen Jesu Anspruch auf die Messiasschaft beweisen wollen, dann zitieren sie gerne 5. Mose 18,18:

      „Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.“ Sowohl Petrus (Apostelgeschichte 3,22) als auch Stephanus (Apostelgeschichte 7,37) benutzen diesen ursprünglichen Text um zu zeigen, dass Jesus dieser „versprochene Prophet“ war (Johannes 6,14), dessen Ursprung in einer israelitischen Familie sein würde und dessen Aufgabe der von Mose ähnlich sein würde. In Jesus hat Gott den Messias erweckt, den lang versprochenen göttlichen Sprecher, den Erretter Israels und der Welt. In den Worten von Petrus: „Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht Jesus erweckt und hat ihn zu euch gesandt, euch zu sagen, dass ein jeder sich bekehre von seiner Bosheit“ (Apostelgeschichte 3,26).

      Andere klassische messianische Texte sprechen davon, dass „ein Sohn gegeben ist“ (Jesaja 9,5), ein „Same der Frau“ (1. Mose 3,15), ein Nachkomme Abrahams (Galater 3,16) und ein Nachkomme des königlichen Hauses Davids (2. Samuel 7, 14-16; Jesaja 11,1). Er würde ein Herrscher sein, geboren in Bethlehem (Matthäus 2,6; Micha 5,2). Einer seiner vielen Titel würde „Gott-Held“ und „Ewig-Vater“ sein (Jesaja 9,5). Es ist dieser einzelne Text in Jesaja 9,5, der erscheinen lässt, dass der Messias in die Kategorie der nicht erschaffenen Wesen gehört, obwohl das eine kritische Schwierigkeit für den Monotheismus bedeuten würde. Nichtsdestotrotz wird sich der einfühlsame Leser der Schriften bewusst sein, dass es einem einzelnen Text nicht erlaubt sein sollte, das Bestehen des Alten Testaments auf einen alleinigen Gott in einer einzelnen Person umzuwerfen. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Prophezeiungen für Juden bestimmt waren, von denen kein einziger glaubte, dass ein göttlicher Titel, der dem messianischen König gegeben wird, bedeutet, dass dieser nun Teil des ewigen Gottes ist, plötzlich und mysteriös aus zwei Personen zusammengesetzt ist und im Gegensatz zu all dem steht, was als Tradition Israels bekannt war. Ein führendes Hebräischlexikon definiert den „Gott-Held“ (Luther) oder „starken Gott“ (Elberfelder) aus Jesaja 9,5 als „göttlichen Helden, der die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt“. Dieselbe Quelle sagt, dass das Wort „Gott“ im Sprachgebrauch Jesajas anderswo in den Schriften für Menschen von Macht und Rang, sowie für Engel benutzt wurde. Der Titel „Ewig-Vater“ wurde von den Juden als „Vater des kommenden messianischen Zeitalters“[5] verstanden. Es wurde weitgehend erkannt, dass eine menschliche Person „Vater der Bewohner Judäas und Jerusalems“ sein konnte (Jesaja 22,21).

      In Psalm 45 wird der ideale messianische König als „Gott“ angesprochen, aber es gibt keinerlei Notwendigkeit, den jüdischen Monotheismus deswegen einzuschränken. Dieses Wort (in diesem Fall elohim) wurde nicht nur für den einen Gott verwendet, sondern auch für „göttliche Repräsentanten an geheiligten Orten oder als Widerspiegelung göttlicher Majestät und Macht“ (Hebrew and English Lexicon of the Old Testament, von Brown, Driver und Briggs, S. 42,43). Sowohl der Psalmist als auch der Schreiber des Hebräerbriefes, der diesen zitierte (Hebräer 1,8), waren sich ihres besonderen Gebrauchs des Wortes „Gott“ zur Beschreibung des messianischen Königs bewusst und sie fügten schnell hinzu, dass der Gott des Messias diesem seine königlichen Privilegien gewährt hatte (Psalm 45,8).

      Sogar der oft zitierte Text in Micha 5,1 über den Ursprung des Messias erfordert keine Art von wörtlicher, ewiger Präexistenz. Im selben Buch findet sich ein ähnliches Versprechen an Jakob  „aus alter Zeit“ (Micha 7,20). Sicherlich wurde das Versprechen eines Messias zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte gemacht (1. Mose 3,15; 1. Mose 49,10; 4. Mose 24, 17-19).

      Wenn man sich der Frage der Messiasschaft Jesu nähert, so wie er und seine Apostel dies taten, so finden wir in der Voraussagen des Alten Testaments nichts, was andeutet, dass ein ewiges unsterbliches Wesen  als der versprochene König Israels zum Menschen wird. Dieser König sollte in Israel geboren werden, von David abstammen und von einer Jungfrau empfangen werden (2. Samuel 7,13-16; Jesaja 7,14; Matthäus 1,23). Und so erschien während der Herrschaft des Kaisers Augustus der Messias auf der Bildfläche.

 

Der Sohn Gottes

      Die Ursache für die lange dauernde Verwirrung über die Identität Jesu besteht in der Annahme, dass der Titel „Sohn Gottes“ in den Schriften ein nicht erschaffenes Wesen bedeutet, ein Mitglied einer ewigen Gottheit. Dieser Schluss wird aus jahrelangem traditionellen Denken geschlossen und kann unmöglich auf die Schriften zurückverfolgt werden. Es ist ein Beweis für die Macht der theologischen Indoktrination, dass diese Idee sich so hartnäckig halten kann. In der Bibel wird der Titel „Sohn Gottes“ als Alternative und prinzipiell synonym zum Titel „Messias“ (= Christus) verwendet. So widmet Johannes sein ganzes Evangelium einem einzigen vorherrschenden Thema, nämlich dass wir glauben und verstehen, dass „Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“ (Johannes 20,31). Die Grundlage, diese beiden Titel gleichzusetzen, findet sich in einer beliebten alttestamentlichen Passage, im Psalm 2:

      „Die Könige der Erde lehnen sich auf, und die Herren halten Rat miteinander wider den Herrn und seinen Gesalbten“ (V. 2), den er „auf dem heiligen Berg Zion eingesetzt hat“ – also als König in Jerusalem (V.6). Von ihm sagt er: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. Bitte mich, so will ich dir die Völker zum Erbe geben“ (V. 7-8). Jesus zögert nicht, den gesamten Psalm auf sich anzuwenden und er sieht in ihm eine Vorhersage für seine und seiner Gefolgsleute Herrschaft über die Nationen (Offenbarung 2,26-27)[6].

      Ebenso setzt Petrus „Messias“ und „Sohn Gottes“ gleich, als er durch göttliche Offenbarung seinen Glauben an Jesus bekräftigt:

      „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“ (Matthäus 16,16).

      Der Hohepriester fragt Jesus:

      „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ (Markus 14,61)

      Nathanael versteht, dass der Sohn Gottes kein anderer ist als der König Israels (Johannes 1,49), der Messias (V. 41)“ derjenige, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben“ (V. 45; vgl. 5. Mose 18, 15-18).

      Der Titel „Sohn Gottes“ wird in den Schriften auch für Engel verwendet (Hiob 1,6; 2,1; 38,7; 1. Mose 6,2,4; Psalm 29,1; 89,6; Daniel 3,25), für Adam (Lukas 3,38), für die Nation Israel (2. Mose 4,22), für Könige von Israel, die Gott repräsentierten und für Christen im Neuen Testament (Johannes 1,12). Wir werden vergeblich eine Verwendung dieses Titels für ein nicht erschaffenes Wesen suchen, das ein Teil des ewigen Gottes ist. Diese Vorstellung ist einfach in der biblischen Anschauung über Gottessohnschaft nicht vorhanden.

      Lukas weiß sehr gut, dass die Gottessohnschaft Jesu von seiner Empfängnis im Mutterleib einer Jungfrau abgeleitet ist und er kennt keinen ewigen Ursprung:

      „Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“ (Lukas 1,35). Der Psalmist schrieb die Gottessohnschaft einem bestimmten Augenblick in der Zeit zu  - „heute“ (Psalm 2,7) – dem Zeitpunkt seiner Ernennung zum Herrscher der Welt. Paulus findet eine weitere Anwendung von Psalm 2 auf die Auferstehung Jesu (Römer 1,4).

      Hier sind die biblischen Vorstellungen von der Sohnschaft Jesu klar dargestellt von den Schriften, die Jesus als Gottes Wort anerkannte. Sie geht auf die Empfängnis Jesu zurück, seine Auferstehung oder seine Ernennung zum König. Die Ansicht von Lukas über Sohnschaft stimmt mit der Hoffnung auf die Geburt eines Messias, durch eine Frau, auf einen Nachkommen Adams; Abrahams und Davids, exakt überein (Matthäus 1,1;Lukas 3,38). Die Texte, die wir untersucht haben, enthalten keine Information über eine Existenz des Sohnes von Ewigkeit her.

 

Der Menschensohn, der Herr zur rechten Hand Gottes

      Der Titel „Menschensohn“ wurde von Jesus häufig gebraucht, wenn er von sich selbst sprach. Ebenso wie „Sohn Gottes“ ist auch dieser Titel eng mit der Messiasschaft verbunden, und zwar sehr eng. Als Jesus feierlich versichert, der Messias, der Sohn Gottes zu sein, fügt er im gleichen Atemzug hinzu, dass der Hohepriester „den Menschensohn sehen wird sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels“ (Markus 14, 61-62). Der Titel „Menschensohn“ ist am umfassendsten in Daniel 7,13-14 beschrieben, wo eine menschliche Person (ein „Menschensohn“) vom Vater das Recht erhält, über die Welt zu herrschen. Die Parallele zu Psalm 2 ist ebenso offensichtlich wie die enge Verbindung zu Psalm 110, wo David auf seinen Herrn (den Messias) verweist, der an des HERRN (des Vaters) rechter Seite sitzt, bis er sein Amt als Herrscher der Welt übernimmt und „inmitten seiner Feinde regiert“ (Psalm 110,2; Matthäus 22,42-45). Der Menschensohn hat eine ähnliche messianische Verbindung in Psalm 80,18: „Deine Hand schütze den Mann an deiner Rechten, den Sohn, den du dir großgezogen hast“.

      Es ist bedeutsam, dass die Schreiber des Neuen Testaments die größte Bedeutung auf Psalm 110 legen. Sie zitieren ihn 18 Mal und wenden ihn auf Jesus an, der zu dieser Zeit als messianischer Herr zur Unsterblichkeit an die rechte Hand Gottes erhöht worden war, so wie der Psalmist es vorhergesagt hatte. Einmal mehr müssen wir erkennen, dass eine ewige Sohnschaft all diesen beschreibenden Titel des Messias fremd ist. Diese überraschende Tatsache sollte Studierende der Bibel dazu anleiten, das, was sie über Jesus gelernt haben, mit dem  Jesus zu vergleichen, den die Schrift beschreibt. Ein ewiger Sohn scheint nicht mit dem übereinzustimmen, was die Bibel über den Messias sagt. Wenn man sich für einen Jesus entscheidet, der als ewiges Wesen eine begrenzte Zeitspanne als Mensch auf der Erde lebte, so scheint man an jemand anderen als an den biblischen Jesus zu glauben.

 

Jesus beanspruchte NICHT Gott zu sein

      Im Johannesevangelium ist die Identität Jesu das Hauptthema. Johannes schrieb dieses Evangelium, wie er selbst uns sagt, aus hauptsächlich einem Grund: Um seine Leser zu überzeugen, dass Jesus der Christus (=Messias), der Sohn Gottes ist (Johannes 20,31). Nach Johannes grenzt Jesus sich selbst sorgfältig vom Vater ab, welcher der „allein wahre Gott“ ist (17,3; 5,44; 6,27).Wenn wir im Johannesevangelium einen Beweis finden wollen, dass Jesus Gott in einem trinitarischen Sinn völlig gleich ist, so würden wir etwas entdecken, was Johannes nicht beabsichtigte und aus dem Blickwinkel seiner jüdischen Abstammung auch gar nicht verstehen konnte. Oder aber wir müssen zugeben, dass Johannes ein völlig neues Bild des Messias einführt, welches dem Alten Testament widerspricht und das Beharren Jesu (und von Johannes) über den Haufen wirft, dass der Vater allein wahrer Gott ist (Johannes 5,44; 17,3). So ein eklatanter Selbstwiderspruch ist kaum wahrscheinlich. Es ist höchste Zeit, dass wir Jesus erlauben, die Dinge klarzustellen. In den Berichten von Matthäus, Markus und Lukas wird uns ausdrücklich gesagt, dass Jesus mit dem strikten Monotheismus des Alten Testaments übereinstimmt (Markus 12,32-34). Hat er, dem Johannesevangelium nach, die Sache dann durcheinandergebracht und behauptet, doch Gott zu sein? Die Antwort wird ganz klar in Johannes 10,34-36 gegeben, wo Jesus in alttestamentlichen Ausdrücken seinen Status als der menschliche Vertreter oder Repräsentant Gottes beschreibt. Jesus sprach über sich selbst als Erklärung dafür, was es heißt „eins mit dem Vater“ zu sein (10,40). Es ist die Einheit in der Funktion, in welcher der Sohn den Vater perfekt repräsentiert. Das ist genau das alttestamentliche Ideal von Sohnschaft, welches unvollkommen von den Herrschern Israels verkörpert wurde, aber im Messias, dem auserwählten König Gottes, seine Erfüllung finden würde.

      Die Argumentation in Johannes 10, 29-38 beginnt folgendermaßen: Jesus begann damit, zu behaupten, dass er und der Vater eins seien.  Es war dies die Einheit in Gemeinschaft und Funktion, die er an einer anderen Stelle für das Verhältnis seiner Nachfolger zu ihm und zum Vater wünschte (Johannes 17,11,22). Die Juden verstanden, dass er beanspruchte, Gott gleich zu sein. Das gab Jesus die Gelegenheit, sich selbst zu erklären. Was er wirklich beanspruchte war, seinen eigenen Worten zufolge, der „Sohn Gottes“ zu sein (V. 36), ein bekanntes Synonym für den Messias. Er argumentierte, dass sein Anspruch auf die Sohnschaft nicht unmäßig sei, weil sogar fehlerhafte Vertreter Gottes von diesem im Alten Testament als „Götter“ bezeichnet worden waren (Psalm 82,6). Er war weit davon entfernt, eine ewige Sohnschaft zu beanspruchen und verglich sein Amt und seine Funktion mit dem der Richter. Er betrachtete sich selbst als Gottes Vertreter par excellence, weil er Gottes einzigartiger Sohn war, der eine und einzige Messias, übernatürlich gezeugt und der Grund der Prophetien des Alten Testaments. Es gibt nichts in der Darstellung Jesu, was den strikten Monotheismus des Alten Testaments gestört hätte oder die Überarbeitung des heiligen Textes in 5. Mose 6,4 erfordern würde. Das Selbstverständnis Jesu ist strikt innerhalb der Grenzen, die Gottes Offenbarung in der Schrift niedergelegt hat. Ansonsten wäre sein Anspruch, der Messias zu sein, ungültig gewesen.  Die Schriften wären zerstört worden.

 

Die jüdische Sprache von Johannes

      Nachdem Jesus in Johannes 10, 34-36 eindrücklich verneint hatte, Gott zu sein, wäre es ausgesprochen unklug zu denken, dass er sich an einer anderen Stelle widerspricht. Man sollte das Johannesevangelium mit folgenden in der eigenen Denkweise verankerten Grundprinzipien untersuchen:

      Jesus unterscheidet sich vom „allein wahren Gott“ (Johannes 17,3)

      Der Vater allein ist Gott (Johannes 5,44)

      Johannes möchte, dass seine Leser verstehen, dass all seine Schriften zum Verständnis der Wahrheit beitragen, dass Jesus der Messias, der Sohn Gottes, ist (Johannes 20,31)

      Wie wir gesehen haben, sagt Jesus selbst, dass der Ausdruck „Gott“ auch für ein menschliches Wesen benutzt werden kann, welches Gott vertritt. Dies bedeutet aber nicht  im gleichen Atemzug, dass es nun Gott ist.

      Das Selbstverständnis Jesu ist einfach „Sohn Gottes“ (Johannes 10,36)

      In Johannes 10,24-25 sagt Jesus klar, dass er der Messias ist, doch die Juden glaubten ihm nicht.

      Jesus sagt mehrmals, dass er von Gott gesandt ist. Was allgemein aus diesem Text herausgelesen wird, ist nicht im Geringsten das, was Johannes andeuten will. Johannes der Täufer war auch von Gott gesandt, was aber nicht bedeutet, dass er vor seiner Geburt existierte (Johannes 1,6). Propheten im Allgemeinen sind von Gott gesandt (Richter 6,8; Micha 6,4) und die Jünger sind „gesandt“ wie Jesus selbst gesandt worden war (Johannes 18,17). „Vom Himmel herabkommen“ muss nicht unbedingt bedeuten, aus einem vorherigen Leben herabzukommen, ebensowenig wie „das Fleisch, welches das Brot ist, das vom Himmel herabgekommen ist“ (Johannes 6, 50-51) wörtlich vom Himmel herabgefallen ist. Nikodemus erkannte, dass Jesus von Gott gekommen war (Johannes 3,2), aber er dachte nicht, dass Jesus schon vor seiner Geburt existiert hatte. Ebensowenig glaubten die Juden, wenn sie von einem Propheten sprachen, dass dieser vor seiner Geburt schon gelebt hatte (Johannes 6,14; 5. Mose 18, 15-18). Jakobus kann sagen, dass „alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe von oben herabkommt, vom Vater des Lichts“ (Jakobus 1,17). „Vom Himmel herabkommen“ ist die bildliche Ausdrucksweise Jesu und der Juden, den göttlichen Ursprung zu beschreiben, den Jesus durch die Jungfrauengeburt sicherlich hatte.

      Die Aussagen über „Präexistenz“ (Existenz vor der Geburt) im Johannesevangelium (3,13; 6,62) sind mit dem Menschensohn verbunden, der ein menschliches Wesen ist. Das Allermeiste, was man aus diesen Aussagen herauslesen könnte, ist, dass Jesus als menschliches Wesen im Himmel lebte, bevor er auf der Erde geboren wurde. Diese Art von Erklärung ist jedoch unnötig, wenn man sich erinnert, dass Daniel 600 Jahre zuvor in einer Vision den Menschensohn zur Rechten des Vaters sitzen sah, in einer Position, die Jesus dem Neuen Testament nach erst nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt eingenommen hat. Als Messias sah sich Jesus in der Rolle dessen, der später in den Himmel erhoben werden sollte, denn dies war nach Daniels inspirierter Vision die Bestimmung des Messias vor seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Jesus „präexistiert“ wahrlich seine seine zukünftige Wiederkehr zur Erde. All das wurde von Daniel vor der Geburt des Messias vorhergesehen. Deshalb erwartete Jesus als erhöhtes menschliches Wesen – als Menschensohn - zur rechten Seite des Vaters aufzusteigen, wie es in der Vision vorhergesehen worden war (Johannes 6,62). Zu sagen, dass Jesus wirklich beim Thron des Vaters war, bevor er als menschliches Wesen in Bethlehem geboren wurde, zeigt nur, dass man sowohl Daniel als auch Johannes missversteht. Jesus musste geboren werden, bevor irgend etwas, was im alten Testament über ihn vorhergesagt worden war, eintreten konnte.

 

Ehre vor Abraham

      Jesus fand seine eigene Geschichte in den hebräischen Schriften beschrieben (Lukas 24,27). Die Rolle des Messias war dort klar dargelegt. Nichts in den heiligen Schriften deutete an, dass der Monotheismus des Alten Testaments durch das Erscheinen des Messias drastisch gestört werden würde. Es gibt eine  Menge  an Beweisen für die Annahme, dass die Apostel keinen Moment lang die absolute Einheit Gottes in Frage gestellt hätten oder dass das Erscheinen Jesu ein Problem für den Monotheismus aufgeworfen hätte. Deshalb stört es die Einheit der Bibel, wenn man annimmt, dass Jesus in einer oder zwei Textstellen im Johannesevangelium sein eigenes Glaubensbekenntnis, dass der Vater der allein wahre Gott ist (Johannes 17,3), über den Haufen wirft oder dass er sich selbst aus der Kategorie der menschlichen Wesen herausnimmt, indem er von einer bewussten Existenz seit Ewigkeit spricht. Sicherlich kann man sein Gebet um die Herrlichkeit, die er vor Grundlegung der Welt hatte (17,5) einfach verstehen und zwar als Wunsch nach der Herrlichkeit, die im Plan des Vaters für ihn vorbereitet war. Die Herrlichkeit, die Jesus für seine Jünger beabsichtigte, war bereits ebenso gegeben (17,22), aber die Jünger hatten sie noch nicht erhalten[7].

      Es war typisch für das jüdische Denken, dass alles von höchster Wichtigkeit in Gottes Absicht, wie z.B. Mose, das Gesetz, die Buße, das Reich Gottes und der Messias – mit Gott bereits von Ewigkeit her existierten. In diesem Sinn kann Johannes schreiben, dass die Kreuzigung  vor den Erschaffung der Welt stattgefunden hatte (Offenbarung 13,8). Petrus, der spät im ersten Jahrhundert schrieb, kannte die Präexistenz Jesu nur als Präexistenz im Vorherwissen Gottes (1. Petrus 1,20). Seine Predigten in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte spiegeln diese Sichtweise exakt wider.

      Doch was ist mit dem bekanntesten Beweistext in Johannes 8,58, dass Jesus bereits vor Abraham gelebt hatte? Bringt Jesus letztendlich alles durcheinander, wenn er auf der einen Seite sagt, dass der Vater alleine der einzig wahre Gott ist (17,3; 5,44) und dass er selbst nicht Gott ist, sondern der Sohn Gottes (10,36) und auf der anderen Seite, dass er, Jesus, ebenso ein unerschaffenes Wesen ist? Bestimmt er seinen Status innerhalb des Zusammenhangs des Alten Testaments (Johannes 10,36; Psalm 82,6: 2,7) nur deshalb, um dann zu sagen, er sein bereits vor der Geburt Abrahams am Leben gewesen  und so ein unlösbares Rätsel aufzustellen? Sollte dass Problem der Dreieinigkeit, das niemals zufriedenstellend erklärt werden konnte, nur wegen eines einzigen Textes im Johannesevangelium hervorgebracht werden? Wäre es nicht weiser, Johannes 8,58 im Licht von Jesu späterer Darstellung in 10,36 sowie im Zusammenhang mit dem Rest der Schrift zu betrachten?

      In der gänzlich jüdischen Denkweise, die das Johannesevangelium durchzieht, ist es ganz natürlich zu denken, dass Jesus in einer Art und Weise sprach, die damals unter jenen gebräuchlich war, die in der Tradition der Rabbiner ausgebildet worden waren. Im jüdischen Kontext bedeutet nicht, dass jemand, der behauptet „präexistiert“ zu haben, ein unerschaffenes Wesen ist. Es impliziert jedoch eine sehr wichtige Bedeutung im Plan Gottes. Jesus ist sicherlich der zentrale Grund für die Schöpfung. Doch die schöpferische Aktivität des einen Gottes und sein Erlösungsplan wurden nicht vor der Geburt Jesu in einem einzigartigen erschaffenen Wesen, dem Sohn, manifestiert. Die Person Jesus wurde erschaffen, als Gottes Selbstausdruck in einem menschlichen Wesen Form annahm (Johannes 1,14)[8].

      Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass Jesus und die Juden oft aneinander vorbei redeten. In Johannes 8,57 sagte Jesus nicht, wie es die Juden verstanden, dass er Abraham gesehen hatte, sondern dass Abraham sich freute, den Tag des Messias zu sehen (V. 56). Der Patriarch erwartete, am Tag des Messias aufzuerstehen (Johannes 11,24; Matthäus 8,11) und am messianischen Königreich teilzunehmen. Jesus beanspruchte, Abraham überlegen zu sein – doch in welchem Sinn?

      Als Lamm Gottes war er vor der Erschaffung der Welt gekreuzigt worden (Offenbarung 13,8; 1. Petrus 1,20), aber natürlich nicht im wahrsten Sinne des Wortes, sondern in Gottes Plan. Auf diese Weise war Jesus also vor Abraham. So konnte Abraham nach vorwärts auf das Kommen des Messias und seines Königreiches schauen. Der Messias und sein Reich existierten deshalb vorher in dem Sinne, dass sie von Abraham mit Augen des Glaubens gesehen worden waren[9].

      Der Ausdruck „Ich bin“ in Johannes 5,58 bedeutet sicherlich nicht „Ich bin Gott“. Es ist, wie vielfach angenommen, nicht der göttliche Name, der in 2. Mose 3,14 gebraucht wird, als Jahwe erklärt: Ich bin der selbst – existierende Eine (ego eimi o ohn). Jesus beanspruchte keinesfalls diesen Titel. Die richtige Übersetzung des  ego eimi in Johannes 5,58 ist : „Ich bin er“ – der versprochene Christus (vergleiche denselben Ausdruck in Johannes 4,26: ‚Ich, der zu euch spricht, bin er‘ (der Christus) )[10]. Bevor Abraham geboren wurde, war Jesus schon im Voraus bekannt (1. Petrus 1,20).  Jesus beansprucht hier in außergewöhnlicher Weise seine äußerste Wichtigkeit in Gottes Plan.

 

Der logos in Johannes 1,1

      Es besteht kein Grund, außer der Macht der Gewohnheit, das „Wort“ in Johannes 1,1 als eine zweite göttliche Person zu verstehen, die schon vor der Geburt Jesu existierte[11]. Eine ähnliche Personifizierung der Weisheit in Sprüche 8,22 oder in Lukas 11,49 bedeutet nicht, dass sie eine Person ist. Es gibt keine Möglichkeit, eine „zweite göttliche Person“ in der offenbarten Gottheit, wie Johannes und Jesus sie verstanden, unterzubringen. Der Vater bleibt, wie er es immer gewesen ist, der allein wahre Gott (17,3) und der Einzige, der allein Gott ist (5,44). Wenn wir den Begriff logos (das Wort) aus der Sicht des Alten Testaments betrachten, werden wir ihn als Gottes Aktivität in der Schöpfung, als sein kraftvolles, lebenspendendes Kommando, durch das alle Dinge ins Leben gerufen wurden, verstehen (Psalm 33,6-12). Gottes Wort ist die Kraft, durch die seine Absichten umgesetzt werden (Jesaja 55,11) Wenn wir es mit anderen Stellen des Neuen Testaments vergleichen, so können wir das Wort mit der schöpferischen Erlösungsbotschaft, mit dem Evangelium, gleichsetzen (Matthäus 13,19; Galater 6,6 etc.)

      Es ist dieser Ideenkomplex, der die Bedeutung des logos, des Wortes, ausmacht: „Durch es sind alle Dinge erschaffen und nichts ist erschaffen ohne es“ (Johannes 1,3). In Johannes 1,14 „materialisiert“ sich das Wort in einem wirklichen menschlichen Wesen, das seinen göttlichen Ursprung durch seine übernatürliche Zeugung erhält. Von diesem Moment an, „als die Zeit erfüllt war“ (Galater 4,4)[12], drückt sich der eine Gott selbst in einer neuen Schöpfung aus, als Gegenstück der ursprünglichen Schöpfung in Adam. Die Empfängnis und Geburt Jesu markieren eine neue, noch nie dagewesene Phase in der Geschichte der Absicht Gottes. Als zweiter Adam bereitet Jesus den Weg für das gesamte Programm der Erlösung. Er bahnt den Weg zur Unsterblichkeit. In ihm ist letztlich Gottes Absicht für die Menschen offenbart (Hebräer 1,1).

      All das bedeutet jedoch nicht, dass Jesus ein Leben für ein anderes aufgab. Das würde ernsthaft die Parallele mit Adam stören, der ebenso durch eine direkte Schöpfung von Gott erschaffen worden war und so ein „Sohn  Gottes“ war (Lukas 3,38). Es würde auch den reinen Monotheismus stören, der in den Schriften durchgehend offenbart wird, und der nicht zerstört werden darf (Johannes 10,35). Die Vorstellung eines ewig existierenden Sohnes unterbricht ganz gewaltig das biblische Schema, stellt den Monotheismus in Frage und bedroht das wahre Mensch-Sein Jesu (1.Johannes 4,2; 2. Johannes 7).

      Dieses Verständnis Jesu im Johannesevangelium will Johannes in Übereinstimmung mit seinen Mitaposteln bringen und der Monotheismus des Alten Testaments bleibt intakt. Die Fakten der Kirchengeschichte zeigen, dass der uneingeschränkte Monotheismus der hebräischen Schriften bald nach Beendigung der Niederschrift des Neuen Testaments unter dem Einfluss von fremden griechischen Ideen aufgegeben wurde. Zur selben Zeit war das vorbestimmte Gedankengut der Messiasschaft vergessen und mit ihm die Realität eines zukünftigen messianischen Königreiches. Das Resultat davon war ein jahrelanger, bis heute ungelöster Konflikt darüber, wie eine schon bestehende zweite göttliche Person mit einem gänzlich menschlichen Wesen in einem einzelnen Individuum verbunden werden kann. Das Konzept der buchstäblichen Präexistenz des Messias ist eine störende Anschauung, ein Teil des christologischen Puzzles, das nicht passt. Ohne dieses bildet sich ein klares Bild von Jesus innerhalb der Grenzen der hebräischen Offenbarung und gemäß der Lehre der Apostel. Gott, der Vater, verbleibt in Wirklichkeit der eine wahre Gott, der eine, der allein Gott ist (Johannes 17,3; 5,44) und die Einheit Jesu mit dem Vater besteht in einer Übereinstimmung in der Funktion, die durch den einen, der wahrlich der Sohn ist, ausgeübt wird, so wie der Begriff auch an anderen Stellen der Bibel verstanden wird (Johannes 10,36). Wenn die Christenheit wiederbelebt und geeint werden soll, so muss das auf der Grundlage des biblischen Jesus geschehen, des Messias der Bibel, unverdorben von den irreführenden Annahmen der Griechen, die wenig Sympathie für die hebräische Welt zeigten, in welcher das Christentum geboren wurde.

 

Die „Göttlichkeit“ Jesu

      Wenn man sagt, dass Jesus nicht Gott ist, so beinhaltet dies keineswegs die Leugnung der Tatsache, dass er auf eine einzigartige Weise mit der göttlichen Natur erfüllt war. Göttlichkeit ist sowohl aufgrund seiner einzigartigen Empfängnis unter dem Einfluss des heiligen Geistes als auch durch den Geist, der in ihm in vollem Maß wohnte (Johannes 3,34) sozusagen in ihn “hineingelegt“. Paulus erkennt, dass „die Fülle der Gottheit leibhaftig in ihm wohnt“ (Kolosser 1,19; 2,9). Durch den Menschen Jesus sehen wir die Herrlichkeit des Vaters (Johannes 1,14). Wir erkennen, dass Gott selbst im Messias „die Welt mit sich selbst versöhnte“ (2. Korinther 5,19). Der Sohn Gottes ist daher der Höhepunkt der Schöpfung Gottes, der volle Ausdruck der göttlichen Eigenschaften in einem menschlichen Wesen. Wenn die Herrlichkeit des Vaters in Adam in einem viel geringerem Ausmaß manifest war (Psalm 8,5; vgl. 1. Mose 1,26), so ist in Jesus der Wille des Vaters voll ausgedrückt (Johannes 1,18).

      Nichts von dem, was Paulus über Jesus sagt, nimmt ihn aus der Kategorie eines menschlichen Wesens heraus. Die Anwesenheit Gottes im Tempel verwandelte diesen auch nicht in Gott! Es wird selten bemerkt, dass Paulus auch dem Christen[13], der den Geist des Messias in sich wohnen hat, ein hohes Maß an „Göttlichkeit“ zuschreibt (Epheser 3,19). Ebenso wie Gott in Christus war (2.Korinther 5,19), so war Christus in Paulus (Galater 2,20) und dieser betet, dass die Christen von der Fülle Gottes erfüllt seien (Epheser 1,23; 3,19). Petrus spricht davon, dass die Gläubigen Anteil an der göttlichen Natur bekommen (2.Petrus 1,4). Was für die Christen wahr ist, ist für Jesus in viel größerem Maß wahr, der als Vorläufer andere durch den Prozess der Erlösung führt, nachdem er selber diesen Pfad erfolgreich gegangen war (Hebräer 2,10).

 

In göttlicher Gestalt

      Trotz der zahlreichen Beweise im Neuen Testament, die zeigen, dass die Apostel immer zwischen Jesus und dem „einen Gott, dem Vater“ (1.Korinther 8,6) unterschieden, finden viele sicher das traditionelle Bild von Jesus als einem zweiten, nicht-erschaffenen Wesen, das vollkommen Gott ist, in Philipper 2,5-11. Es ist in gewissem Sinne paradox, dass der Verfasser des Abschnittes über Christologie im Wörterbuch der Apostolischen Kirche sagen kann, Paulus habe Christus niemals Gott genannt oder ihn als solchen beschrieben, aber trotzdem in Philipper 2 eine Beschreibung von Christi ewigem, „Vorleben“ im Himmel findet.[14]

      Eine neuere Studie der biblischen Ansicht von Jesus, die breite Zustimmung findet – Christology in the Making von James Dunn – weist uns auf die Gefahr hin, in die Worte von Paulus die Schlussfolgerungen einer späteren Generation von Theologen, den griechischen „Kirchenvätern“, hineinzulesen, die in den der Niederschrift des Neuen Testaments folgenden Jahrhunderten entstanden. Die Tendenz, in den Schriften das zu finden, was wir schon glauben, ist natürlich, weil niemand von uns leichten Herzens der drohenden Möglichkeit ins Auge schauen will, dass unser erlerntes Verständnis nicht mit der Bibel übereinstimmt (Dieses Problem ist noch größer, wenn wir mit Lehre oder Predigen zu tun haben).

      Aber verlangen wir von Paulus nicht mehr, als er uns geben kann, wenn wir von ihm erwarten, dass er uns in einigen kurzen Sätzen ein weiteres ewiges Wesen als den Vater aufzeigen soll? Das würde so offensichtlich den strikten Monotheismus in Frage stellen, den er sonst so klar ausdrückt (1. Korinther 8,6; Epheser 4,6; 1.Timotheus 2,5). Es würde auch das  ganze Problem der Dreieinigkeit hervorbringen, dessen sich Paulus als brillanter Theologe nicht bewusst war.

      Wenn wir Philipper 2 erneut ansehen, müssen wir uns die Frage stellen, ob Paulus in diesen Versen wirklich darauf anspielt, dass Jesus vor seiner Geburt schon gelebt hat. Der Zusammenhang des Abschnitts und seiner Bemerkungen zeigt uns, dass er die Heiligen dazu auffordert, demütig zu sein. Es wird immer wieder gefragt, ob die Möglichkeit besteht, dass Paulus seine Belehrung dadurch bestärkt haben könnte, indem er seine Leser auffordert, die Gesinnung eines solchen anzunehmen, der zuerst ewiger Gott war und dann die Entscheidung traf, Mensch zu werden. Es erscheint auch eigenartig für Paulus, sich auf den präexistenten Jesus als den Messias zu beziehen und so den Namen und das Amt in die Ewigkeit zurückzuverlegen, welches er bei seiner Geburt erhalten hatte.

      Bei dieser Textstelle in Philipper 2 kann Paulus viel einfacher in Anbetracht seines Lieblingsthemas verstanden werden: Christologie von Adam. Es war Adam, der als Gottes Sohn im Bild Gottes geschaffen worden war (1. Mose 1,26; Lukas 3,38), während Jesus, der zweite Adam (1. Korinther 15,45) ebenso in Gestalt Gottes war („Bild“ und „Gestalt“ sind zwei Worte, die austauschbar sind)[15]. Doch während Adam unter dem Einfluss Satans die Gleichheit mit Gott ergreifen oder rauben wollte („Ihr werdet sein wie Gott“ – 1. Mose 3,5), tat Jesus das nie. Obwohl er jedes Anrecht auf ein göttliches Amt hatte, weil er der Messias war, der die göttliche Präsenz widerspiegelte, betrachtete er die Gleichheit mit Gott nicht als etwas, das er rauben wollte. Stattdessen gab er alle Privilegien auf, widerstand der Versuchung Satans, als ihm dieser alle Königreiche der Erde versprach (Matthäus 4,8-10), und verhielt sich sein Leben lang als Diener, bis zu dem Punkt, dass er wie ein Verbrecher gekreuzigt wurde.

      Als Reaktion auf dieses Leben in Demut hat Gott Jesus nun in den Status des messianischen Herrn erhoben, der zur Rechten des Vaters sitzt, so wie Psalm 110 es vorhersagte. Paulus sagt nicht, dass Jesus neuerlich eine Position einnahm, die er für eine gewisse Zeit aufgegeben hatte. Es sieht eher so aus, als ob er diese erhöhte Position nach seiner Auferweckung zum ersten Mal einnimmt. Obwohl er Zeit seines Lebens der Messias gewesen war, wurde seine Stellung öffentlich bestätigt, als er „sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht wurde“ (Apostelgeschichte 2,36; Römer 1,4). Wenn wir den Bericht über das Leben Jesu bei Paulus  in diesem Sinn als eine Beschreibung einer fortwährenden Selbstverleugnung unseres Herrn sehen, so kann man eine enge Parallele mit einer anderen Stelle sehen, an der Paulus über das Leben Jesu spricht. „Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet“ (2. Korinther 8,9). Während Adam gefallen war, erniedrigte sich Jesus freiwillig.

      Die traditionelle Lesart der Textstelle in Philipper 2 hängt fast vollständig vom Verständnis der Position Jesu „in göttlicher Gestalt“ als einer Anspielung auf ein vorheriges Leben im Himmel ab. Verschiedene Übersetzungen haben viel dazu beigetragen, diese Ansicht zu unterstützen. Das Zeitwort „war“ in dem Ausdruck „er, der in göttlicher Gestalt war“ taucht im Neuen Testament häufig auf und bedeutet keinesfalls „existierend seit Ewigkeit“, obwohl einige Übersetzungen dies hineinzwängen wollen. In 1. Korinther 11,7 sagt Paulus, dass der Mann sein Haupt nicht bedecken soll, weil er Gottes Bild und Abglanz ist. Das Verb hier unterscheidet sich nicht von dem „war“ in der Beschreibung Jesu als in göttlicher Gestalt. Wenn schon der gewöhnliche Mann Gottes Bild und Abglanz ist, wie viel mehr dann Jesus, welcher der perfekte menschliche Vertreter Gottes ist, in dem alle Eigenschaften der göttlichen Natur wohnen (Kolosser 2,9). Die Absicht von Paulus in Philipper 2 ist nicht, das komplizierte und weitläufige Thema eines ewigen göttlichen Wesens einzuführen, das Mensch wurde, sondern eine einfache Lektion über Demut zu geben. Wir müssen dieselbe Einstellung wie Jesus haben, wenn wir wie er denken wollen. Aber es wird nicht von uns verlangt, dass wir uns selbst als göttliche Wesen vorstellen, die ihre Göttlichkeit opfern, um als Menschen auf diese Erde zu kommen.

      Es ist nicht allgemein bekannt, dass viele ernsthafte Bedenken hatten, die Stelle in Philipper Kapitel 2 als eine Aussage über die Präexistenz Christi zu nehmen. Ein früherer Regius Professor of Divinity schrieb im Jahre 1923: „Paulus bittet die Philipper eindringlich, von Meinungsunterschieden abzulassen und demütig miteinander umzugehen. In 2. Korinther 8,9 ermahnt er seine Leser, großzügig Almosen zu geben. Es ist fraglich, ob es für ihn natürlich gewesen wäre, diese zwei einfachen moralischen Lektionen durch zufällige Bemerkungen (und die einzige Bemerkung, die er darüber macht) über das weitläufige Problem der Art der Inkarnation zu verstärken. Viele denken, dass seine einfachen Bitten einen größeren Effekt gehabt hätten, wenn er auf das inspirierende Beispiel von Jesu Demut und Selbstaufopferung hingewiesen hätte, wie in 2. Korinther 10,1: „Ich ermahne euch bei der Sanftmut und Güte Christi...“ Der Autor dieser Anmerkungen, A.H.McNeile[16], schlägt folgende Umschreibung vor: „Obwohl Jesus während seines ganzen Lebens göttlich war, betrachtete er es nicht als ein unter allen Umständen zu erhaltendes Privileg, Gott gleich zu sein, sondern er erniedrigte sich aus freiem Willen (von aller Selbstbehauptung oder göttlicher Ehre), indem er die Form eines Knechtes annahm.

      Paulus weist auf die Tatsache hin, dass Jesus wie jeder andere Mensch auch auf der Bildfläche erscheint („in Menschengestalt“). Wenn man sein Leben als Ganzes betrachtet, so war es ein Prozess der Selbsterniedrigung, der seinen Höhepunkt in seinem Kreuzestod erreichte. Der zweite Adam, im Gegensatz zum ersten, unterwirft sich gänzlich dem Willen Gottes  und erhält als Konsequenz die größtmögliche Erhöhung.

 

Das Haupt der neuen Schöpfung

      Die Parallele zwischen Adam und Jesus bildet bei Paulus die Grundlage für das Verständnis des Messias. Christus hat zur neuen Schöpfung, der Gemeinde, dieselbe Beziehung wie sie Adam zur Schöpfung in 1. Mose hatte. Beginnend mit Jesus nimmt die Menschheit einen neuen Anfang. Mit Jesus, dem neuen Adam, als Stellvertreter, beginnt die Gesellschaft von Neuem. Diese Übereinstimmung ist ernstlich gefährdet, wenn Jesus letztendlich nicht als ein Mensch begonnen hätte. So wie Adam als „Sohn Gottes“ (Lukas 3,38) geschaffen wurde, so macht die Empfängnis Jesu diesen zum „Sohn Gottes“ (Lukas 1,35). Adam ist sicherlich von der Erde (1. Korinther 15,47), während Jesus der „Mann vom Himmel“ ist – gemäß Paulus nicht bei seiner Geburt, sondern bei seiner Wiederkunft, um die getreuen Verstorbenen aufzuerwecken (1. Korinther 15,47 ff.). In diesem Punkt können wir die Schwachstellen in den traditionellen Ansichten über Präexistenz erkennen. Das Herabkommen Christi vom Himmel zur Erde bezieht sich in den Gedanken von Paulus auf die Parousia – auf das zweite Kommen Christi. Erst im späteren Denken verschob sich der Bezugspunkt auf seine Geburt. So deutet eigenartigerweise die traditionelle Denkart zurück in die Vergangenheit, während uns  die Bibel hauptsächlich auf die zukünftige Wiederkunft Christi in Herrlichkeit hinweist.

      Paulus beschreibt Jesus im ersten Kapitel des Kolosserbriefes als Haupt der neuen Schöpfung und als Mittelpunkt von Gottes kosmischem Plan. Er schreibt mit der Absicht, die absolute Vorrangstellung Jesu aufzuzeigen, die Jesus durch seine Auferstehung gewonnen hatte und die überragende Stellung in der neuen Ordnung, im Gegensatz zu rivalisierenden Religionssystemen, durch welche die Kolosser bedroht waren. Alle Herrschaften wurden „in Christus“ erschaffen (Kolosser 1,16). Ebenso hatte Jesus den Anspruch erhoben: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Matthäus 28,18). „Alles“ in Kolosser 1,16 bedeutet für Paulus die verständige, belebte Schöpfung, die aus „Thronen, Herrschaften, Mächten und Gewalten“ besteht, die „in Christus“ , „durch Christus“ (nicht von ihm) und für Christus geschaffen wurden. Es ist sein Königreich, das Paulus im Sinn hat (Kolosser 1,13). Jesus ist der Erstgeborene vor jeder Schöpfung  ebenso wie der Erstgeborene aus den Toten (Verse 15,18)[17]. Der Ausdruck „Erstgeborener“ macht ihn sowohl zur Führungsperson der neuen Ordnung, als auch zu deren Ursprung, eine Position, die er dadurch erreichte, dass er der Erste war, der durch die Auferstehung Unsterblichkeit erlangte. In Offenbarung 3,14 nennt Johannes Jesus ebenso den „Anfang der Schöpfung Gottes“, was natürlich auch bedeutet, dass er selbst Teil dieser Schöpfung ist. Der Titel „Erstgeborener“ bezeichnet in der Bibel jemanden, der das höchste Amt innehat, wie in Psalm 89,20, wo der „Erstgeborene“, der Messias, der „Höchste der Könige auf Erden“ ist, einer, der wie David aus dem Volk erwählt und erhöht wird. Einmal mehr entwickelte Paulus das Konzept des Messias, das in den hebräischen Schriften schon vorhanden war.

      In keiner der Aussagen von Paulus werden wir dazu gedrängt, ein „zweites, ewiges göttliches Wesen“ zu finden. Vielmehr präsentiert er uns  einen zweiten, verherrlichten Adam, der nun zu dem göttlichen Amt erhoben ist, für das er einst geschaffen wurde (1. Mose 1,26; Psalm 8). Jesus vertritt nun das Menschengeschlecht als Haupt der neuen Schöpfung der Menschheit. Er tritt für uns als Hohepriester im himmlischen Tempel ein (Hebräer 8,1).  Obwohl Paulus dem auferstandenen Herrn solch erhabene Titel gibt, gibt es keinen Grund zu glauben, dass er nun seinen klaren Monotheismus einschränkt, den er in 1. Korinther 8,6 folgendermaßen ausdrückt: „So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“. Nichts in Kolosser 1 drängt uns zu glauben, dass sich Paulus ohne Vorwarnung nun plötzlich aus der Gesellschaft von Matthäus, Markus, Lukas, Petrus und Johannes entfernt und vom absoluten Monotheismus abweicht, den er an anderen Stellen so sorgfältig und klar ausdrückt (1.Timotheus 2,5; Epheser 4,6) und der so tief in seinen theologischen Hintergrund eingebettet ist.

 

Die besiedelte Erde, von der wir sprechen, wird kommen

      Der Verfasser des Hebräerbriefes legt einen speziellen Schwerpunkt auf das Menschsein Jesu. „Er wurde versucht in allem wie wir, doch ohne Sünde“ (Hebräer 4,15). „Gott schuf die Zeitalter durch den Sohn“ – nicht: sie wurden vom Sohn geschaffen - und zwar im Hinblick auf seine Bestimmung als Messias (Hebräer 1,2). „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn“ (Hebräer 1,1-2). Der Verfasser wollte uns nicht mitteilen (etwas, was Jesus selbst nicht wusste – Markus 10,6), dass Jesus der aktive Teil im Schöpfungsprozess gewesen war. Es war Gott, der am siebten Tag ruhte, nachdem er seine Arbeit beendet hatte (Hebräer 4,4;10).[18] Und es ist Gott, der den Sohn auf die bewohnte Erde der Zukunft schicken wird: „Wenn er den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt“ (Hebräer 1,6).[19]

      Wenn der Messias wieder auf die Erde kommt, werden einige Feststellungen über ihn zu Geschichte werden. Erstens: Der Thron des Messias wird errichtet werden (Hebräer 1,8). (Vergleiche mit: „Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit.... wird er sitzen am Thron seiner Herrlichkeit“ – Matthäus 25,31).[20] Da er die göttliche Majestät seines Vaters repräsentiert, wird der messianische Titel „Gott“ auf Jesus angewandt werden, ebenso wie er für die Richter Israels verwendet wurde, welche ein Schatten auf den obersten Richter Israels, den Messias, waren (Psalm 82,6). Eine andere Prophezeiung von Psalm 102,2 wird ebenso im kommenden Königreich des Messias verwirklicht werden. So wie Jesaja vorhersah (Jesaja 51,16 und 65,17), wird das Fundament für einen neuen Himmel und eine neue Erde gelegt werden. Hebräer 1,10 kann leicht missverstanden werden, indem man annimmt, dass der Messias für die ursprüngliche Schöpfung verantwortlich war. Das jedoch übersieht dann, dass der Verfasser aus dem messianischen Psalm 102 (aus der Septuaginta) zitiert. Weiter bemerkt der Autor ausdrücklich, dass sich die Reihe der Wahrheiten über den Sohn auf die Zeit bezieht, wenn dieser „wieder in die Welt eingeführt wird“ (Hebräer 1,6). Und in Hebräer 2,5 sagt er uns erneut, dass die zukünftige Welt gemeint ist, von der er im ersten Kapitel spricht. Dem Verfasser muss erlaubt sein, seinen eigenen Kommentar zu geben.  Er befasst sich mit dem messianischen Königreich, nicht mit der Schöpfungsgeschichte. Weil wir nicht die messianische Vision des Neuen Testaments teilen, wie wir es eigentlich sollten, blicken wir eher in die Vergangenheit als in die Zukunft. Wir müssen uns auf die völlig messianische Denkweise der gesamten Bibel einstimmen.[21]

 

Der hebräische Hintergrund des Neuen Testaments

      Um die Denkweise der Autoren des Neuen Testaments zu verstehen, ist es nützlich, die wesentlichen Stellen der hebräischen Schriften darzulegen, von denen sie ihr Verständnis der Person Christi ableiten. Nirgends kann aufgezeigt werden, dass der Messias ein nicht-erschaffenes Wesen sein sollte. Diese Tatsache sollte uns dazu bringen, nach der Quelle dieses revolutionäre Konzepts außerhalb der Bibel zu suchen.

      Die ursprüngliche Bestimmung des Menschen, der im Bild und in der Herrlichkeit Gottes geschaffen wurde, war es, die Herrschaft über die Erde auszuüben (1. Mose 1,26; Psalm 8). Diese Möglichkeit ist niemals außerhalb der Reichweite der Wiedererlangens gerückt, denn der Psalmist spricht von der Herrlichkeit und von der Ehre, mit denen der Mensch (potentiell) gekrönt ist, sodass alles „unter seine Füße getan ist“ (Psalm 8,5-7). Wenn sich der göttliche Plan entfaltet, wird es klar, dass der versprochene „Same der Frau“, der das Unheil, welches Satan angerichtet hatte (1. Mose 3,15), umkehren wird, ein Nachkomme Davids sein wird (2.Samuel 7,13-16). Er wird Gott seinen Vater nennen (2.Samuel 7,14) und zum Sohn Gottes ernannt werden, als Messias, dem Gott die Herrschaft über die Erde anvertraut (Psalm 2). Bevor er jedoch sein königliches Amt antritt, wird der Messias zur Rechten des Vaters sitzen und den Titel „Herr“ tragen (Psalm 110,1). Als Menschensohn, der die Menschen vertritt, wird er seinen Platz im Himmel einnehmen, bevor er von Gott die Autorität erhält, sein weltweites Reich zu verwalten (Daniel 2,44; 7,14; Apostelgeschichte 3,20,21). Bei seinem ersten Kommen litt er für die Sünden des Volkes (Jesaja 53; Psalm 22) und als Gottes Erstgeborener wird er wiederkommen, als Herrscher über die Könige der Erde (Psalm 89,27), angedeutet bereits durch David, der ebenso aus dem Volk erwählt worden war (Psalm 89,19-20).

      Als der zweite Mose, sollte der Messias aus Israel hervorgehen (5. Mose 18,18), seine göttliche Sohnschaft sollte von einer übernatürlichen Geburt durch eine Jungfrau abgeleitet werden (Jesaja 7,14; Lukas 1,25) und durch seine Auferweckung von den Toten sollte er als der Sohn Gottes bestätigt werden (Römer 1,4). Als Hohepriester dient der Messias den Menschen nun vom Himmel aus (Hebräer 8,1) und wartet auf die Wiederherstellung aller Dinge (Apostelgeschichte 3,21), wenn er wieder in die Erde eingeführt werden wird, als König der Könige, als göttliche Figur von Psalm 45 (Hebräer 1,6-8). Zu dieser Zeit, im Zeitalter des Königreiches, wird er mit seinen Jüngern herrschen (Matthäus 19,28; Lukas 22,28-30; 1. Korinther 6,2; 2.Timotheus 2,12; Offenbarung 2,26; 3,21; 20,4). So wie Adam der ursprünglichen Schöpfung vorstand, so ist Jesus nun das Haupt der neuen Schöpfung der Menschheit, in dem die Ideale der Menschheit erfüllt werden (Hebräer 2,7).

      Innerhalb dieses messianischen Rahmens können die Person und das Werk Jesu in einer Art erklärt werden, wie es auch die Apostel verstanden. Sogar in der am weitesten fortentwickelten Christologie, ist es deren Absicht, Jesus als den Messias und Sohn Gottes darzulegen (Johannes 20,31), der das Zentrum von Gottes Plan in der Geschichte ist (Johannes 1,14). Obwohl Jesus auf eine äußerst enge Weise mit dem Vater verbunden ist, bleibt der Letztere doch der „allein wahre Gott“ des biblischen Monotheismus (Johannes 17,3).  So repräsentiert Jesus die Gegenwart des einen Gottes, seines Vaters. Im Menschen Jesus, Immanuel, ist der eine Gott mit uns gegenwärtig (Johannes 14,9).[22]

 

Vom Sohn Gottes zu Gott, dem Sohn

      Wir haben den Jesus der Bibel untersucht, indem wir die verschiedenen Informationen zusammengefasst haben, die in den inspirierten Schriften offenbart wurden. Das Bild, welches sich dabei herauskristallisiert, unterscheidet sich von dem, das uns das traditionelle Christentum präsentiert, vor allem die Person Christi betreffend. Christus, wie wir ihn beschrieben haben, kompliziert nicht das erste Prinzip des biblischen Glaubens, nämlich den Glauben an einen, der allein der wahrhaftige und absolute Gott ist (Johannes 17,3; 5,44).

      Es ist leicht zu sehen, wie der biblischen Messias für die nachbiblischen Theologen zu „Gott, dem Sohn“ wurde. Es wurde nur dadurch möglich, dass das wesentliche messianische Denken in der Bibel Schritt für Schritt unterdrückt wurde. Der Ausdruck „Sohn Gottes“, der in den Schriften ausschließlich ein messianischer Titel war, der die Herrlichkeit des Menschen in einer innigen Beziehung mit dem Vater beschrieb, wurde ab dem zweiten Jahrhundert missverstanden und auf den göttlichen Teil eines ewigen Gott-Menschen angewandt. Zur selben Zeit wurde damit begonnen, die Bezeichnung „Menschensohn“, einen rein messianischen Titel des Messias als Vertreter der Menschen, auf seine menschliche Natur zu beziehen. Auf diese Weise wurden beide Titel – Sohn Gottes und Menschensohn – ihrer ursprünglichen messianischen Bedeutung beraubt und sie verloren ihre biblische Aussagekraft. Während die Beweisführung des Alten Testaments weitgehend abgelehnt wurde – ebenso wie das Zeugnis der synoptischen Evangelien, der Apostelgeschichte, Petrus, Jakobus und Johannes in der Offenbarung  - wurden etliche Verse im Johannesevanglium und zwei oder drei in den Paulusbriefen umgedeutet um die neue Ansicht zu unterstützen, dass Jesus das zweite Mitglied einer ewigen Dreieinigkeit war, gleichberechtigt und eines Wesens mit Gott. Dieser Jesus ist aber kaum der Jesus der biblischen Dokumente. Er ist ein „anderer Jesus“ (2.Korinther 11,4).

 

Der Mensch und die verborgene Botschaft

      Mit dem Verlust der biblischen Bedeutung des Messias ging ein Verlust der Bedeutung des messianischen Königreiches einher, das der zentrale Punkt aller Lehren Jesu und das Herzstück des Evangeliums gewesen war (Lukas 4,43; Apostelgeschichte 8,12; 28,23,31). Die Hoffnung auf die Errichtung eines messianischen Königreiches auf einer erneuerten Erde, die Erfüllung aller alttestamentlichen Prophetie, die Jesus zu bestätigen kam (Römer 15,8), wurde durch die Hoffnung auf den „Himmel nach dem Tod“ ersetzt; und eine massive Propaganda überzeugte  (und überzeugt immer noch) eine unwissende Öffentlichkeit davon, dass Jesus niemals an etwas so „Weltliches“, Politisches oder „Ungeistliches“ wie an das Reich Gottes auf Erden geglaubt hat.

      Das Resultat der radikalen Änderungen, die sich allmählich in den Ansichten der Kirche vollzogen (und die bereits im 2. Jahrhundert begannen), war ein Verlust der zentralen Botschaft Jesu – nämlich das Evangelium vom Reich Gottes (Lukas 4,43; Apostelgeschichte 8,12; 28,23,31) – und auch ein Missverstehen der Person Jesu selbst. Kirchen und Gemeinden stehen vor dem großen Problem, wie sie einerseits erklären sollen, dass Jesus die Erfüllung der alttestamentlichen Prophetien war, während dieser selbst anscheinend die alttestamentlichen Verheißungen ablehnte, dass der Messias Herrscher über die Welt sein würde. Üblicherweise wird die Theorie vorgebracht, dass Jesus das Alte Testament soweit  aufrecht erhielt, als es das ethische Ideal der Liebe lehrte, doch die prophetische Vision einer göttlichen Intervention in der Menschheitsgeschichte ablehnte, die zu einer Erneuerung der Menschheit auf der Erde im Reich Gottes führen sollte.[23] Kurz gesagt, es wird angenommen, Jesus habe beansprucht, der Messias zu sein, während er zur gleichen Zeit alle Hoffnungen auf die Wiederherstellung des Reiches Gottes, nach dem sich alle seine Zeitgenossen sehnten, beseitigte.

      Es besteht kein Zweifel, dass die Getreuen in Israel wahrlich die Ankunft des Messias erwarteten, der die Erde regieren würde. Doch heute wird argumentiert, dass Jesus sich von solchen Erwartungen distanzierte.[24] Die Frage, warum die Juden ein messianisches Reich auf Erden erwarteten, wird vermieden. Würde die Frage gestellt, so müsste wohl die Antwort gegeben werden, dass dies die alttestamentlichen Schriften bis ins Detail beschrieben hatten.

      Kirchen und Gemeinden müssen zu der Erkenntnis kommen, dass sie nicht fair mit der Bibel umgehen, wenn sie nur den ersten Akt des göttlichen Dramas berücksichtigen – den Teil, welcher das Leiden und das Sterben des Messias betrifft – während sie den zweiten Akt ausschließen, die Wiederkunft des Messias als triumphierender König, als Gottes Gesandter, der einen wirksamen und bleibenden Frieden auf Erden schafft. Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu und sein gegenwärtiger Aufenthaltsort zur Rechten des Vaters sind gemäß dem Neuen Testament nur Teile des Triumphes des Sohnes Gottes.

      Der traditionellen Anschauung über die Rolle Jesu in der Geschichte liegt ein schwerwiegendes und grundlegendes Missverständnis zugrunde. Es hat mit der politisch-theokratischen Funktion zu tun, die ein prinzipieller Bestandteil des Messiastums ist. Bis jetzt wurde jede mögliche Anstrengung gemacht den Glauben aufrecht zu erhalten, dass die Verheißung Jesu an die Gemeinde, mit ihm im kommenden Königreich Gottes (Matthäus 19,28; Lukas 22,28-30) zu regieren, auf die Gegenwart angewendet werden muss, was im klaren Gegensatz zu den Aussagen der Bibel steht. Was weiterhin übersehen wird, ist die Tatsache, dass am Ende des gegenwärtigen Zeitalters, „wenn Jesus in seiner Herrlichkeit wiederkommt“ (Matthäus 25,31) , „im neuen Zeitalter, wenn er seine Herrschaft als König antritt“ (Matthäus 19,28), die Gemeinde mit ihm regieren wird. Es sollte nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass Menschen, die aus allen Nationen genommen werden und die Gott als Könige und Priester bestimmt hat, die „Erde regieren werden“ (Offenbarung 5,10). Der reine Messianismus von Psalm 2 bleibt auch in Offenbarung 2,26 und 3,21 bestehen und diese sind die Worte Jesu an die Gemeinde (Offenbarung 1,1; 22,16). Der Jesus der Schrift ist niemand anderer als der Messias der Prophetien des Alten Testaments und der apokalyptischen Schriften.

      Es ist für alle Kirchgänger dringend erforderlich, selbst die Schriften zu erforschen, losgelöst von den verschiedenen Glaubenssätzen, die bisher so willig „im Glauben“ angenommen wurden. Wir müssen ehrlich genug sein um zuzugeben, dass die Meinung einer Mehrheit nicht automatisch die richtige ist und dass eine Tradition, die unkritisch akzeptiert wurde, vielleicht viel dazu beigetragen hat, den ursprünglichen Glauben, den Jesus und seine Apostel lehrten, zu verdecken. Möglicherweise sollten wir die Beobachtung von Canon H.L.Goudge ernst nehmen, als er von der Katastrophe sprach, die eintrat, „... als die griechische und römische Denkweise in der Gemeinde die Oberhand über die hebräische Denkweise bekamen.“  Es war eine „Katastrophe in der Lehre und in der Praxis“, so sagt Canon Goudge, „von der sich die Gemeinde nie erholt hat“.[25] Eine Wiederherstellung kann nur beginnen, wenn man die Warnung von Johannes ernst nimmt: „Wer ist ein Lügner wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist?“ (1. Johannes 2,22).[26] Jesus muss als Messias/Christus verkündigt werden, mit all dem, was dieser Ausdruck in der Bibel bedeutet.

 

Was die Gelehrten zugeben

      In einem Artikel über „Jesus predigen“ (Dictionary of Christ and the Apostles, Band 2, S. 394) sagt James Denny: „Es ist nutzlos, von Jesus als dem Christus zu sprechen, wenn wir nicht wissen, wer oder was Christus ist. Es hat keinerlei Bedeutung zu sagen, dass eine unbekannte Person zur Rechten Gottes sitzt, hoch erhoben und souverän; je leidenschaftlicher die Menschen glauben, dass Gott ihnen in dieser Erhöhung einen Prinzen und Erlöser gegeben hat, desto mehr sollten sie alles Mögliche über ihn wissen wollen.“

      Dieser ausgezeichneten Aussage folgt eine andere wertvolle Beobachtung, nämlich „dass es keine Predigt von Christus geben kann, die nicht auf derselben Grundlage beruht wie die Predigt der Apostel. Was predigten Jesus und die Apostel? Einer der Wege, wie Jesus seine absolute Bedeutung für wahren Glauben ausdrückte, war Folgendes: Er betrachtete sich selbst als Messias. Die messianische Rolle konnte nur durch eine einzige Person erfüllt werden und er selbst war diese in Frage kommende Person; er und kein anderer war der Christus.“ All das ist ausgezeichnet, doch die darauf folgenden Gedanken beginnen ein Unbehagen über das Messiastum Christi zu offenbaren, obwohl Gegenteiliges beteuert wird. „Doch ist dieser Christus ein Konzept, das auch wir in einem anderen Zeitalter für den gleichen Zweck benützen können? Darauf müssen wir antworten: Nur wenn wir den Begriff sehr weitläufig anwenden.“ James Denny scheint sich nicht bewusst zu sein, dass er das biblische Messiastum Christi zu untergraben beginnt, und da Jesus nicht von seinem messianischen Amt getrennt werden kann, die Identität Jesu zu verschleiern. Er fährt fort: „Es ist sicher, dass für jene, die zuerst an Jesus als an den Christus glaubten, der Name maßgeblicher war als für uns heute; er hatte eine Form und eine Farbe, die er nun nicht mehr hat.“ Aber das kann nur heißen, dass wir die Sicht dafür verloren haben, was es heißt, an Jesus als an den Messias zu glauben. Denny vermittelt den Eindruck, dass es uns nun freisteht, uns eigene Vorstellungen vom Messiastum zu machen und die biblische Definition zu ignorieren.

      Das jedoch war exakt die Tendenz, die sich nach dem Tod der Apostel so katastrophal auf die Kirche  auswirkte. Die Kirche begann sich ihr eigenes Konzept vom Messias zu machen und indem sie das machte, verlor sie den Kontakt mit dem biblischen Jesus. Denny sagt, dass an den Ausdruck Messias „Erwartungen geknüpft waren, die für uns die Vitalität, die sie einst besessen hatten, verloren haben.“ Richtig; aber warum haben sie ihre Bedeutung verloren, wenn nicht darum, weil wir es aufgegeben haben zu glauben, was uns die Bibel über den Messias sagt? „Im Besonderen“, sagt Denny, „hat die eschatologische[27] Bedeutung des Ausdrucks Messias für uns nicht die Bedeutung, die  sie für sie ersten Gläubigen hatte. In den Lehren Jesu gruppieren sich diese Assoziationen um den Titel ‚Menschensohn‘,... der als Synonym für ‚der Christus‘ gebraucht wird... Nichts war charakteristischer für das erste Christentum als die Wiederkunft Jesu in der Eigenschaft als Christus. Es war die Grundlage von dem, was die frühe Kirche unter Hoffnung verstand...unser Blick auf die Zukunft unterscheidet sich wesentlich vom damaligen.“

      Aufgrund welcher Autorität ist es verschieden? Ganz sicherlich kann man nicht eine der bedeutendsten Merkmale der Christentums der Bibel beiseite legen und das, was übrig bleibt, denselben Glauben nennen.[28] Es ist diese feine Abweichung von der charakteristischen Hoffnung der frühen Kirche, die uns den gefährlichen Unterschied zwischen dem, was wir Christentum nennen und dem, was die Apostel darunter verstanden, zeigen sollte. Es macht keinen Sinn zu sagen, dass wir Christen sind, wenn wir die wesentlichen Charakteristika des neutestamentlichen Konzepts des Messias aufgeben, an den wir zu glauben vorgeben.

      Denny misstraut zu Recht der Tendenz der meisten Gelehrten „stillschweigend anzunehmen, dass es ein Fehler ist, an Christus in der Weise zu glauben, wie es diejenigen taten, die ihn zuerst predigten. Solche eine Kritik macht es sich zum Anliegen, die Persönlichkeit Jesu exakt ihrer eigenen Persönlichkeit anzugleichen und sein Bewusstsein exakt dem, was ihrem eigenen entspricht“ (Hervorhebung  von Seiten des Autors).

      Das genau ist unser Problem, aber auch jenes von Denny, der zugibt, dass „unser Ausblick in die Zukunft sich von dem der Apostel unterscheidet.“ Doch deren Ausblick auf die Zukunft basierte auf dem zentralen Verständnis, dass Jesus der Messias war, der Herrscher im zukünftigen Reich Gottes, dessen Macht schon im Voraus im Amt Jesu manifest war. Mit welcher Logik können wir die Hoffnung, die „ein essentieller Bestandteil des apostolischen Christentums war“ aufgeben und trotzdem beanspruchen, Christen zu sein? In diesem Widerspruch liegt das Versagen der Kirche, Jesus als Messias treu zu sein. Wir bevorzugten unsere eigene Sichtweise und unsere Ansicht vom Messiastum; und wir dachten, es sei angebracht, dieser Vorstellung den Namen Jesus zu geben. Haben wir so nicht einen „anderen Jesus“ nach dem Bild unserer nicht-jüdischen Herzen geschaffen?

      Ein sorgfältiges Studium der Werke über Christologie offenbart einige bemerkenswerte Geständnisse, welche den Leser ermutigen sollten, seine eigene Suche nach der Wahrheit über Jesus zu beginnen. In einem Artikel über den Sohn Gottes fragt William Sanday, früher Professor an der theologischen Fakultät der Universität in Oxford, ob es irgendwelche Textstellen in den vier Evangelien gäbe, die uns zur Vorstellung führen könnten, dass Jesus der präexistente Sohn Gottes war. Er zieht den Schluss, dass  sich alle Aussagen über den Messias in Matthäus, Markus und Lukas auf dessen Leben auf der Erde beziehen. Es gibt nicht eine einzige Referenz dafür, dass er bereits vor seiner Geburt der Sohn Gottes war. Wenn wir das Johannesevangelium betrachten, sollten wir nach Stellen suchen, die frei von Zweideutigkeit sind. Vielleicht gibt es gar keine (Hastings Dictionary of the Bible, vol 4, S. 576, Hervorhebung des Autors).

      Hier nun ist die Feststellung eines führenden Experten, dass es möglicherweise in allen vier Evangelien keine Stelle gibt, die sich darauf bezieht, dass Jesus schon vor seiner Geburt der Sohn Gottes war. Es ist jedoch eine Tatsache, dass die Kirchen die ewige Sohnschaft Jesu lehren und diese ein wesentlicher und unentbehrlicher Glaubensgrundsatz ist.

      Professor Sanday wundert sich nur, warum Matthäus, Markus und Lukas nichts über die Präexistenz Jesu wissen. „Möglicherweise haben die Schreiber über dieses Thema nicht nachgedacht und haben deshalb keinen Teil der Lehre Jesu darüber wiedergegeben“ (S. 577). Wenn er die Briefe betrachtet, dann kann Sanday nur vermuten, dass es in Hebräer 1,1-3 vielleicht eine Referenz auf eine Präexistenz gibt, die jedoch nicht zwingend ist. Über Kolosser 1,15 sagt er: „Die grundsätzliche Idee eines ‚Erstgeborenen‘ liegt in den besonderen Rechten des Erstgeborenen, seine Vorrangstellung über alle, die nach ihm geboren werden“. Und er fügt hinzu, dass „es falsch erscheint, eine zeitliche Priorität auszuschließen.“ Er fasst seine Bemerkungen mit einem Zitat eines deutschen Theologen zusammen, der sagte, dass „man im Alten Testament und dem Rabbinertum keinen Weg zur Lehre der Göttlichkeit Jesu findet“ (das heißt, dass er Gott ist). Professor Wernle vertritt die Meinung, dass „der Titel ‚Sohn Gottes‘ strikt jüdisch ist  und dass der Schritt vom ‚Sohn Gottes‘ zu ‚Gott dem Sohn‘ auf nicht-jüdischer Basis getan wurde und durch unklare Vorstellungen konvertierter Heiden entstanden ist“ (S. 577).

      Feststellungen wie diese zeigen, auf welch wackeligem Grund die ganze Lehre der Präexistenz des Sohnes gebaut ist. Man muss der Möglichkeit ins Auge blicken, dass die dogmatischen Vorstellungen der nachbiblischen Zeit über Jesus auf ihrer eigenen Autorität beruhen anstatt auf jener der Apostel. Der weiseste Weg ist es, unsere eigene Position auf die Aussagen der Schrift selbst zu beziehen und mit Jesus zu erkennen, dass „ewiges Leben“ (Leben im kommenden Zeitalter) darin besteht, dass wir den Vater als den allein wahren Gott erkennen und Jesus als den Messias, den er gesandt hat (Johannes 17,3).

 

Jesus, der Mensch und Vermittler

      Der Jesus, den die Apostel predigten, war nicht „Gott der Sohn“. Dieser Titel scheint nirgends in der Bibel auf. Jesus ist der Sohn Gottes, der Messais, dessen Ursprung sich auf seine wundersame Zeugung zurückführen lässt (Lukas 1,35). Der Eine Gott der Schriften verbleibt im Neuen Testament dieselbe Person, die im Alten Testament als der Schöpfergott Israels offenbart wurde. Jesus „der Mensch“ (1. Timotheus 2,5) vermittelt zwischen dem Einen Gott, dem Vater, und der Menschheit. Dieser Jesus kann uns auch „für immer selig machen“ (Hebräer 7,25). Jeden anderen Jesus müssen wir als eine täuschende Fälschung vermeiden – und es ist allzu leicht möglich, darauf hereinzufallen (2. Korinther 11,4)

 

Das Bekenntnis der Kirche

      Die Gemeinde, die Jesus gründete, basiert auf dem zentralen Glaubensbekenntnis, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes (Matthäus 16,16). Dieses Glaubensbekenntnis wird ernsthaft verzerrt, wenn dem Ausdruck „Sohn Gottes“ einen  neue, nicht-biblische Bedeutung zugefügt wird. Dass eine solche Verzerrung stattgefunden hat, sollte allen Studenten der Geschichte der Theologie bewusst sein. Die Auswirkungen begleiten uns bis heute. Was dringend notwendig ist, ist eine Rückkehr zum Felsen-Glaubensbekenntnis von Petrus, der in der Gegenwart von Jesus (Matthäus 16,16), der Juden (Apostelgeschichte 2,3) und am Ende seines Dienstes erklärte, dass Jesus der Messias Israels ist, der Retter der Welt, zuvor ausersehen im Ratschluss Gottes, doch offenbart am Ende der Zeiten (1. Petrus 1,20). Die phantastische Tatsache des Messiastums Jesu lässt sich nur durch göttliche Offenbarung verstehen (Matthäus 16,17)

      Die Gründungsgestalt des Christentums muss innerhalb des hebräisch-biblischen Rahmens präsentiert werden. Dort werden wir den wirklichen, historischen Jesus entdecken, der auch der Jesus unseres Glaubens ist. Außerhalb dieses Rahmens erfinden wir einen „anderen Jesus“, weil die ihn beschreibenden biblischen Titel ihre Bedeutung verloren haben (vgl. 2. Korinther 11,4).

      Wenn den Titeln Jesu neue unbiblische Bedeutungen gegeben werden, dann ist es klar, dass sie seine Identität nicht länger wahrheitsgetreu übermitteln. Wenn dies geschieht, dann ist der christliche Glaube gefährdet. Unsere Aufgabe ist es deshalb, Jesus als den Messias, der von den Propheten vorausgesagt wurde, zu verkünden. Und wir müssen unter den Ausdrücken Messias und Sohn Gottes das verstehen, was Jesus und das Neue Testament darunter verstehen. Die Kirche kann nur dann den Anspruch erheben, die Hüterin des authentischen Christentums zu sein, wenn sie in Harmonie mit den Aposteln spricht und der Welt sagt, wer Jesus ist.

 

ANHANG

Einer der am meisten beindruckenden vorhergesagten Tatsachen ueber den Messias ist, dass er bestimmt nicht Gott ist, sondern der Sohn Gottes. Psalm 110:1 ist der Text der im Neuen Testament benutzt wird, um das Christsein zu beweisen; es wird 23 Mal darauf angespielt. Das Verhaeltnis zwischen Gott und dem Messias wird exakt erklaert durch den Titel der ihm gegeben wurde. Messias – Adoni (Psalm 110:1) Diese Form des Wortes ‚Herr’ bezeichnet im Alten Testament immer ( es tritt 195 Mal auf) die nicht goettliche Person. Adoni muss sorgfaeltig vom Wort Adonai unterschieden werden. Adonai bedeutet in seinen 449 Anwendungen immer die Gottheit. Adonai ist nicht dass Wort, das im Psalm 110:1 auftaucht. Diese wichtige Unterscheidung zwischen Gott und Mensch ist ein wichtiger Teil des heiligen Textes und ist bestaetigt durch Jesus selbst in Mat. 22:41 ff. Es plaziert den Messias in die Kategorie der Menschen, wenn auch erhoben. Psalm 110:1 taucht im gesamten Neuen Testment als Schluesseltext auf, der den Status des Messias in Bezug auf den einen Gott beschreibt. (siehe Apostelg. 2:34-36).

Adonai und Adoni (Psalm 110:1)

Der am meisten verwendet Beweis des Neuen Testament aus dem Alten Testament

Warum wird der Messias Adoni (mein Herr) und niemals Adonai (mein Gott) gerufen?

‚Adonai und adoni sind Variationen von Masoretic die auf die Unterscheidung zwischen goettlicher und menschlicher Referenz hinweisen. Adonai bezieht sich auf Gott und Adoni auf ranghoehere Menschen.

Adoni- Referenz zu Menschen: Mein Herr, mein Meister (siehe Psalm 110:1)

Adonai- referenz zu Gott ... Herrn (Brown, Driver,Briggs, Hebraeisch und englisches Lexikon des Alten Testaments, unter dem Begriff adon (=Herr), Seite 10,11)

‚Der Ausdruck ADONI (‚mein Herr’), ein koeniglicher Titel (1 Samuel 29:8)) muss sorgfaeltig unterschieden werden vom goettlichen Titel ADONAI (‚mein Herr’) benutzt fuer Yahweh.’ ‚ADONAI- die spezifische Pluralform (des goettlichen Titels) unterscheidet es von adonai (mit kurzen Vokal) = meine Herren (gefunden in Genesis 19:2)’ (Internationale Standard Bibel Enzyklopedia, ‚Herr’ Seite 157)

‚Herr im Alten Testament wurde benutzt um Adonai zu uebersetzen, wenn es sich auf Goettliches Wesen bezog. Das (hebraeische) Wort .. hat eine Nachsilbe (mit spezieller Betonung) wahrscheinlich um den Unterschied zu verdeutlichen. Manchmal ist es nicht klar, ob es ein goettliches oder menschliches Wesen beschreibt...Der Masoretische Text macht den Unterschied zwischen ‚heilig’ und ‚exzellent’ manchmal durch ein Zeichen klar (zB. einen Punkt ueber dem Buchstaben) und manchmal durch die Variation in der Betonung- adoni, adonai (kurze Aussprache) und adonai mit langezogener Aussprache’ (Hastings Woerterbuch der Bibel, „Herr“ Band 3, Seite 137)

‚Das hebraeische Adonai bezeichnet ausschliesslich den Gott von Israel. Es ist ueber 450 Mal im Alten Testament bestaetigt, dass Adoni menschliche Wesen bezeichnet. (gen. 44:7, Num.32:25,II Koenige 2:19 etc.) Wir muessen annehmen, dass daas Wort adonai seine spezielle Form erhielt, um es zu unterscheiden vom weltlichen Gebrauch von adon (im speziellen adoni). Der Grund, warum Gott als adonai (langer Selbstlaut) statt mit dem normalen adon, adoni, adonai (kurzer Selbstlaut) angesprochen wurde, mag darin liegen, dass man zwischen Yahweh und anderen Goettern oder menschlichen Herrscher unterschieden wollte.’ (Lexikon der Goetter und Demonen in der Bibel, Seite 531)

‚Die Verlaengerung des a ind Adonai kann man zureuckverfolgen auf die Absicht der Masocreter, das Wort als heilig mit einem kleinen aeusseren Zeichen zu versehen.’ (Theologische Lexikon des Alten Testaments , ‚Adon’, Seite 63 und Theologische Lexikon des Neuen Testaments, III, 1060ff,n.109)

‚Der Ausdruck ‚zu meinem Herrn’ wird im Alten Testament niemals als Bezug auf Gott verwandt.. Die allgemein akzeptierte Tatsache ist, dass die Masoretische Akzentuierung/Kennzeichnung sich unterscheidet, wenn es sich auf Gott (adonai) oder Menschen (adoni) bezieht.’ (Wigram, The Englishman’s Hebrew and Chaldee Concordance of the OT, Seite 22) (Herbert Bateman, ‘Psalm 110:1 und das Neue Testament’,Bibliothecra Sacra, Oktober-Dezember,1992, Seite 438)

Professor Larry Hurtado von der Universitaet Edinburg, ein gefeierter Author eines modernen Klassikers ueber das Christsein sagt:’Es besteht keine Frage darueber, dass der Ausdruck Adonai und adoni eine verschiedene Funktion haben. Der erste steht fuer einen ehrfuerchtigen Weg die Ausprache des Wortes YHVH zu vermeiden und der zweite benutzt daselbe Wort um nicht-goettliche Personen zu bezeichnen.’ (aus Korrespondenz, 24ter Juni, 2000)

 Wie Jesus in Gott verwandelt wurde

Das Neue Testament presentiert Jesus als den Christus, den messianischen Sohn Gottes. Er agiert als der Vertreter und Vermittler von Jahweh, seinem Vater, dem Gott Israels. Jesus gruendete seine Kirche auf der Offenbarung, das er der Messias ist, der Sohn des lebendigen Gottes (Matt.16:16). Als Sohn Gottes war er uebernatuerlich geschaffen oder empfangen im Leib seiner Mutter (Matt.1:20;Lukas 1:35;Apostelg. 13:33; I Johannes 5:18). Dies macht ihn zum einzigartigen Sohn Gottes, den ‚einzig gezeugten’ oder der ‚einzigartig gezeugte Sohn Gottes’ (Johannes 1:14,18; 3:16,18; I Johannes 4:9) und den Herrn Messias (Lukas 2:11), nicht den Herrn Gott. Weil er gezeugt wurde- in eine Existenz gebracht- kann er auf Grund der Definition des Wortes nicht ewig gewesen sein. Deshalb ist der Begriff ‚Sohn von Ewigkeit’ ein offensichtlicher unsinniger Ausdruck. ‚Ewig’ bedeutet, dass es keinen Beginn hat. Gezeugt zu werden, bedeutet, dass es einen Beginn hat. Alle Soehne sind gezeugt und deshalb ist der Titel ‚Gottes Sohn’ ein irrefuehrender Titel fuer Jesus, den Messias. Man kann nicht ‚Gott von Ewigkeit’ und gleichzeitig Sohn Gottes sein. Die Kirchenvaeter vom 2. Jahrhundert an, beginnend wahrscheinlich mit Johannes dem Matyerer, begannen die Geschichte des Sohnes Gottes in die Vorgeschichte zu verschieben und verdrehten und verminderten dadurch seine wahre Identitaet. Sie nahmen ihm seine Stellung als das Haupt der neuen Schoepfung , den zweiten Adam, weg. Sie verminderten seine wahre Geschichte (History) und erfanden eine kosmische Vorgeschichte fuer ihn. Sie zerstoerten seine Identitaet als den ‚Mensch Messias Jesus’. Spaeter erfand Origenes eine neue Bedeutung fuer das Wort ‚gezeugt’ oder ‚erzeugt’. Er nannte Jesus den ‚ewig erzeugten/von Ewigkeit her erzeugten’ Sohn – ein Konzept ohne Bedeutung, was der neutestamentalischen Darstellung von einer wiklichen ‚Erzeugung’ oder ‚Zeugung’ des Sohnes vom zweiten Jahr BC widersprach.

Dieser fundamentale Paradigmawechsel , der das schreckliche Problem mit der Dreieinigkeit hervorbrachte, wird zu Recht von denen, die die wirkliche Wahrheit wiederherstellen wollen, auf die Kirchenvaeter vor dem Konzil von Nizea zurueckgefuehrt. Diese begannen, aufgrund eines Modell von Plato den historischen Jesus, den messianischen Sohn Gottes, zurueck in die vorhistorische, vorweltliche Zeit zu projezieren. Sie erschafften einen Metaphysischen Sohn, der den messianischen Sohn/Koenig, den die Bible beschreibt, ersetzt – Den messianischen Sohn, dessen Existenz noch in der Zukunft lag, als er vorhergesagt wurde, als der versprochene Koenig durch den Pakt mit David.(II Samuel 7:14, ‚ Er wird meine Gottes Sohn sein’). Hebraer 1:1-2 sagt ausdruecklich, dass Gott nicht durch einen Sohn in den Alt Testamentarischen Zeiten sprach. Das ist deshalb so, weil es zu dieser Zeit noch keinen messianischen Sohn Gottes gab.

Professor Loofs beschreibt den Vorgang der fruehen Korruption der biblischen Christenheit:

„Die Apologeten haben den Grund gelegt zur Verkehrung des Christentums in eine offenbarte Lehre. Im Speziellen hat ihre Christologie die Entwicklung verhängnisvoll beeinflußt. Sie haben, die Übertragung des Sohnesbegriffs auf den präexistenten Christus als selbstverständlich betrachtend, die Entstehung des christologischen Problems des 4. Jahrhunderts ermöglicht; sie haben den Ausgangspunkt des christologischen Denkens verschoben (von dem historischen Christus weg in die Präexistenz), Jesu Leben der Menschwerdung gegenüber in den Schatten gerückt; sie haben die Christologie mit der Kosmologie verbunden, mit der Soteriologie sie nicht zu verknüpfen vermocht. Ihre Logoslehre ist nicht eine ‚höhere’ Christologie als üblich war, sie bleibt vielmehr hinter der genuin christlichen Schätzung Christi zurück: nicht Gott offenbart sich in Christus, sondern der Logos, der depotenzierte Gott, ein Gott, der als Gott untergeordnet ist dem höchsten Gott (Inferiorismus oder Subordinatianismus). Auch die Zurückdrängung der ökonomisch-trinitarischen Gedanken durch metaphysisch-pluralistische Vorstellungen von der göttlichen tria,j geht auf die Apologeten zurück.“ (Friedrich Loofs, Leitfaden zum Studium des Dogmengeschichte, 1890, „Das Christentum als geoffenbarte Philosophie. Die grieschischen Apologeten,“ Niemeyer Verlag, 1951, 97).

Jene, die sich der Wiederherstellung der Identitaet des biblischen Jesus, Sohn Gottes, gewidmet haben, moegen sich ein Herz fassen, von den treffenden Worten des fuehrenden sytematischen Theologen unserer Zeit. Er stellt die biblische Bedeutung des kritischen Titels ‚Sohn Gottes’ wiederher, errettet ihn von jahrtausend langer Unklarheit, das er durch die Plato orientierten Kirchenvaeter und Theologen erlitten hat.

Professor Colin Brown, der Hauptherausgeber des ‚Neuen Internationalen Woerterbuchs der Neuen Testament Theology (New International Dictionary of New Testament Theology)’, schreibt:

‚Die Schwierigkeit des Problems liegt darin, wie wir den Begriff Sohn Gottes verstehen...Der Titel Sohn Gottes bedeutet nicht direkt, dass er eine goettlichen Person oder einen metaphysischen Unterschied/Teil der Gottheit beschreibt. In der Tat, um ein ‚Sohn Gottes’ zu sein, muss man ein Wesen sein, das nicht Gott ist. Es ist eine Beschreibung fuer ein Wesen das eine spezielle Beziehung zu Gott hat. Im speziellen beschreibt es Gottes Representant, Gottes Vizeregent. Es bestimmt die Koenigschaft, identifiziert den Koenig als Gottes Sohn... In meiner Sichtweise laeuft der Ausdruck ‚Sohn Gottes letztendlich auf die Beschreibung/Ausdruck ‚Abbild Gottes’ hinaus, was als Gottes Representant zu verstehen ist; den Einen, in dem Gottes Geist wohnt und dem die Verantwortung und Autoritaet gegeben wurde, fuer Gott zu handeln. Es scheint mir ein fundamentaler Fehler zu sein, die Aussagen in dem vierten Evangelium ueber den Sohn und sein Verhaeltnis zum Vater, als Ausdruck der Beziehung innerhalb der Dreieinigkeit zu sehen. Aber diese Art der Fehlinterpretation scheint groesstenteils dem populaeren Dreieinigkeisdenken zu unterliegen. Es ist eine gebraeuchliche aber offensichlich falsche Lesensart die Ausage am Beginn des Johannes Evangeliums wie folgt zu lesen: ‚ Am Anfang war der Sohn und der Sohn war mit Gott und der Sohn war Gott’ (Johannes 1:1) Was hier geschah ist, dass das Wort (Logos) durch den ‚Sohn’ ersetzt wird und dadurch wird der Sohn zu einem Mitglied der Gottheit gemacht, welche von Ewigkeit her existiert. („Dreieinigkeit und Inkarnation: Auf eine zeitgenoessische Orthodoxie hin“ ExAuditu,7,1991, Seite 87-89)


[1] Bultmann, zum Beispiel, behauptet in Essays Philosophical and Theological, S. 276, dass Johannes 20,28 die einzig sichere Stelle des Neuen Testaments ist, in welcher der Titel „Gott“ auf Jesus angewandt wird. Die meisten würden zustimmen, dass Hebräer 1,8 ein zweites sicheres Vorkommen ist.

[2] Rabbi J..H..Hertz

[3] Ezra D. Gifford, The True God, the True Christ, the True Holy Spirit

[4] Ich bin F.F. Bruce zu Dank verpflichtet, der die folgende Beobachtung machte: Menschen, die Sola Scriptura (wie sie glauben) anhangen, sind tatsächlich oft nur einer traditionellen Schule der Interpretation von Sola Scriptura verbunden. Evangelikale Protestanten können ebenso Sklaven der Tradition sein wir römisch-katholische oder griechisch-orthodoxe Christen, nur bemerken sie nicht, dass es „Tradition“ ist (aus Korrespondenz)

[5] So übersetzten die Juden den hebräischen Ausdruck, als sie ihre Schriften ins Griechische übersetzten.

[6] Eine Schwäche der meisten theologischen Systeme ist die Weigerung, in den Aussagen, die Jesus in der Offenbarung zugeschrieben werden, die wahren Worte des Meisters zu sehen. Wenn die Christologie der Offenbarung zur Seite geschoben wird, werden die Ansprüche Jesu (1,1) verneint und das Resultat ist eine verzerrte Christologie.

[7] In einigen jüdischen Schriften wird dem Messias Präexistenz zugeschrieben, doch nur gemeinsam mit anderen verehrungswürdigen Dingen und Personen, wie dem Tabernakel, dem Gesetz, der Stadt Jerusalem, dem Gesetzgeber Mose selbst und dem Volk Israel (Ottley, Doctrine of Incarnation; S. 59)

[8] Vergleiche mit G.B. Caird, The Development of the Doctrine of Christ in the New Testament, S. 79: „Die Juden glaubten nur an die Präexistenz einer Personifikation; die Weisheit war eine Personifikation, entweder einer göttlichen Eigenschaft oder eines göttlichen Zwecks, doch niemals eine Person selbst. Weder das vierte Evangelium noch der Hebräerbrief sprechen von einem ewigen Wort oder der Weisheit Gottes in Ausdrücken, die uns dazu veranlassen, es als Person zu verstehen.“

[9] So sagt H.H. Wendt, D.D., wenn er über Johannes8,58 schreibt: „Das irdische Leben Jesu war von Gott vorherbestimmt und vorhergesehen, lange vor der Zeit Abrahams (The Teachings of Jesus, Vol II, s.176)

[10] Vgl. Edwin Freed in  JTS, 33,1982, s. 163: „In Johannes 8,24 muss  ‚ego eimi‘ (‚ich bin‘) als Hinweis auf das Messiastum Jesu verstanden werden... „Wenn ihr nicht glaubt, dass ich dieser bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben“.

[11] Siehe Fußnote 8.

[12] Vgl. James Dunn, Christology in the Making, S. 243, wo über Johannes 1, 1-14 geschrieben wird: Die Schlussfolgerung, die sich aus unserer Analyse zu ergeben scheint.... ist, dass wir erst ab Vers 14 von einem persönlichen logos zu sprechen beginnen können... Der Punkt wird durch die Tatsache verschleiert, dass wir (im Englischen), das maskuline logos als „er“ übersetzen müssen (im Deutschen „es“)....Doch wenn wir logos mit „Wort Gottes“ übersetzen würden, käme deutlicher hervor, dass in den Versen 1-13 der logos nicht unbedingt ein persönliches göttliches Wesen bedeuten muss.

[13] Unter der Annahme, dass er richtig getauft, vollständig gelehrt und gemäß der Wahrheit der Schrift aktiv tätig ist. Dem Leser sollte bewusst sein, dass zeitgenössische Vorstellungen, was ein Christ ist, nicht unbedingt der biblischen Definition entsprechen müssen. Matthäus 7,21 gibt uns die unbequemste Warnung des Neuen Testaments.

[14] Vol. 1, S. 194

[15] Siehe besonders C.H. Talbert, „The Problems of Preexistence in Philippians 2,6-11,“ JBL, 86 (1967), Seiten 141-153. Ebenso G. Howard, „Philippians 2, 6-11 and the Human Christ,“, CBQ 40 (1978), Seiten 368-387.

[16] New Testament Teaching in the Light of St. Paul’s, Seiten 65-66

[17] Bei Kolosser 1,17 sind viele Übersetzungen weniger vorsichtig als die NASB, welche die Bemerkung, dass Jesus „vor allen Dingen“ existierte, weise als Randbemerkung anführt. Es genügt, um mit Paulus zu sagen, dass er „vor“ allen Dingen ist, im Sinne, dass er aller Schöpfung überlegen ist, und nicht im wörtlichen Sinn, dass er als Erster geschaffen wurde oder seit Ewigkeit besteht. In Johannes 1,15,30 wird in jenen Übersetzungen ein ähnlicher Enthusiasmus für die Präexistenz gezeigt und das erlaubt dann nicht, dass der Sinn auch folgendermaßen wiedergegeben werden kann: „Derjenige, der nach mir kommt, ist mir überlegen, denn er hat absolute Vorrangstellung gegenüber mir.“ (Siehe Kommentare von Raymond Brown in „The Anchor Bible“ series, und von Wescott).

[18] Das Neue Testament spricht klar über Gott, den Vater, der der Schöpfer in 1. Mose 1,1, Apostelgeschichte 7,50; 14,15; 17,24; Offenbarung 4,11; 10,6; 14,7 und Markus 10,6; 13,19 ist.

[19] Vgl. Tyndale Commentary on Hebrews von Thomas Hewitt (1960), S. 56: „Die Übersetzung heißt deswegen: ‚Wenn er den Erstgeborenen wiederum in die Welt einführt‘“.

[20] Siehe auch: Matthäus 19,28; Lukas 22,28-30 und Offenbarung 2,26; 3,21 und 5,10, welche gemeinsam mit vielen anderen Textstellen die Aufrichtung des messianischen Königreiches auf der Erde bei der Wiederkunft Jesu voraussehen.

[21] Für weitere Informationen, wie der Schreiber des Hebräerbriefes den Psalm 102 in Hebräer 1,10 benutzt, siehe F.F. Bruce, Epistle to the Hebrews, Seiten 21-23.

[22] Johannes 20,28 beschreibt die Anrede Jesu mit „Mein Herr und mein Gott“. Beide Titel werden im Alten Testament auf den Messias angewendet (Psalm 45,6, 11; 110,1). Der Zweck des Johannesevangeliums ist, Jesus als den Messias zu präsentieren (Johannes 20,31).

[23] Jesus bestritt niemals, dass die prophezeite Theokratie eines Tages durch ihn als Messias eingeführt werden sollte. Der Verlust der Wahrheit über das messianische Königreich in der Theologie bedingte auch einen Verlust der Herrschaft Jesu und seiner treuen Gemeinde. So verschwand auch das Ziel der Christenheit.

[24] Wird ebenso in den Psalmen Salomos wie auch im Alten Testament gefunden, Psalm 2, etc.

[25] The Calling of the Jews, in den gesammelten Aufsätzen über das Judentum und das Christentum.

[26] New Testament Letters  paraphrased by J.W.C. Wand, D.D.

[27] Dinge, die mit den Geschehnissen am Ende des Zeitalters zu tun haben

[28] In der selben Art und Weise, wie die christlichen Lehren über Gott, den Menschen und Errettung „ohne die Existenz Satans absolut unhaltbar“ sind, Michael Green, I believe in the Downfall of Satan, Herausg. Eerdman’s, 1981, S. 20


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